Selten sieht man sie so nah, so eng beieinander blühen, die beiden ungleichen Schwestern. Ihre Naturen sind doch recht verschieden, sie finden sich nicht unbedingt im gleichen Milieu. Selbst mit der Blüte ist die eine normalerweise etwas früher dran als die andere. Doch das Leben in der Stadt und dazu ein in diesem Jahr stark verzögertes Frühjahr bescheren uns dieses rare Bild sozusagen schwesterlicher Eintracht.

Zur Linken haben wir die große Schwester, Prunus avium, die Vogel- oder einfach Wildkirsche, die Mutter aller Süßkirschensorten und Kirschbrände. Zur Rechten die kleine Schwester, Prunus padus, die Traubenkirsche, die sich tatsächlich gern etwas kleiner macht und im Schutz und Schatten größerer Gehölze gedeiht.

Prunus avium ist eine echte Europäerin, ihr natürliches Verbreitungsgebiet bildet ziemlich genau die gemäßigten Breiten Europas ab, von Portugal bis zum Ural, spart den arktisch geprägten Norden und die Hitzezonen Zentralspaniens aus. Prunus padus dagegen streift etwas weiter herum, greift aus bis Ostsibirien und Japan oder auch nach Zentralasien und den Himalaja. Sie ist hauptsächlich ein Auwaldgehölz, braucht deshalb reichlich Bodenfeuchte, sucht die Grundwassernähe und kommt gut mit den häufig wechselnden Lebensumständen in Flussnähe, in jungem Wald und Gebüsch, in den früheren Stadien einer Vegetationsentwicklung an einem Ort zurecht. Prunus avium dagegen mag es ruhiger, trockener, wärmer. Behaglich eben. Sie hasst nasse Füsse, schätzt es aber durchaus, wenn der Untergrund von erfrischenden Sickerwasseradern durchzogen ist.

In einer idealisierten Topographie der europäischen Hügel- und Mittelgebirgslandschaft wählt Prunus avium die Standorte am oberen Hang, von der Hangkante an ein Stück abwärts, möglichst mild besonnt, nach Osten oder Westen exponiert. Einen gemütlichen warmen Fleck mit guter Aussicht und reichlich Abendsonne, gerne ungestört und alleine. Eine Romantikerin, wenn man so will. Prunus padus wird sich in jedem Fall darunter niederlassen, dort wo Quellen aus dem Hang treten, sich Bäche bilden, in feuchten Geländemulden und schließlich unten im Tal, wo nachts sich die kalte Luft sammelt, das taugt ihr, sie ist da nicht so verwöhnt. Und es ist mehr los dort, mehr Abwechslung, mehr Dickicht und Dschungel. Entlang der Wasserwege erschließt sie sich die Welt.

In der Stadt ist alles anders. Da gibt es nur selten idealisierte und homogenisierte Landschaften, in den großen Parks eben. Viel häufiger gibt es rauhe, disparate Orte, wo allerlei aufeinandertrifft, geplant, ungeplant, in oft kurzer Zeit geworden. In diesem Fall ist es ein Ort, wo nah an einem natürlichen Bach Aufschüttungen vorgenommen wurden, im Ursprung bald 200 Jahre alt. Durch Bautätigkeit, Anpassungen im Stadtgrundriss und bei der Lage von Verkehrswegen wurden die Aufschüttungen immer wieder verändert, verlagert, der Boden durchmischt, verdichtet, gestört, so dass sich nie ein gleichmäßiges Gefüge entwickeln konnte, sondern letztlich ein Haufen verblieb mit kleinräumig stark wechselnden Bodenzuständen. Mal ist der Boden locker, daneben verdichtet, mal lehmig, mal kiesig-sandig, mal besteht er aus Bauschutt und allem Möglichen, sogar Gartenboden und Kompost mag untergemischt sein, denn es gab dort auch einmal Gärten zwischendurch. Bodenverhältnisse, wie man sie in der durchschnittlichen, land- und forstwirtschaftlich bewirtschafteten Mittelgebirgslandschaft eher selten findet (und wenn, dann fallen sie kaum auf).

Auf diesem Haufen wachsen nun die beiden Schwestern. Die große, Prunus avium, wurde möglicherweise einmal angepflanzt, verkörpert gewissermaßen den bürgerlichen Part, während die kleine Streunerin Prunus padus sich wohl spontan angesiedelt hat, ganz nah bei der großen, etwas unter ihre Krone geduckt. Nicht weit davon war hin und wieder eine Pfütze, die auf lokale Bodenverdichtungen hinwies. So ist dort beiden gedient, beide finden ihr Auskommen und können ihre jeweiligen Stärken ausspielen.

Ob sie auch miteinander reden? Australische Forscher haben Indizien dafür gefunden, dass Pflanzen akkustisch kommunizieren könnten. Dass sie es auf chemischem Wege tun, weiß man seit längerem. Doch in der Nähe von Basilikum keimen Chilisamen besser, auch wenn es offenbar nur eine akkustische Verständigungsmöglichkeit gibt. (Süddeutsche Zeitung Nr 105 v. 07.05.2013, S. 16, BMC Ecology 07.05.2013) Dass sich die beiden Kirschen wirklich viel zu sagen haben, erscheint eher zweifelhaft. Zu verschieden ihre Vorlieben und Lebensziele, könnte man meinen. Aber vielleicht führen sie ja ein diplomatisches Gespräch über die Nutzung und Verteilung der Ressource Wasser, verhandeln ein Agreement: für die eine genug, für die andere nicht zu viel davon. Entwickeln eine gemeinsame Win-Win-Situation.

Die beiden Kirschen zeigen uns, was geht, was vorkommt in der Stadtökologie. Whatever works heißt es bei Woody Allen, in etwas anderem Zusammenhang aber treffend.

Nett von den beiden, uns durch ihr nicht so gewöhnliches gemeinsames Blühen darauf hinzuweisen. Das werden freilich nur wenige sehen, obwohl die Bäume weithin sichtbar sind, allerdings hinter einer transparenten Lärmschutzwand an einer vierspurigen Ausfallstraße im Münchner Westen. Kirschblüten, en passant.