Der zuweilen wohltuend querdenkende und weitgereiste Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl beleuchtet in einem Beitrag in der Gartenpraxis (1) den Zusammenhang zwischen Kulturpflanzen und Neophyten. Vor dem Hintergrund seiner eigenen biographischen Erfahrung als Einwanderer aus Deutschland, der sich als Kind über das blühende Gänseblümchen (Bellis perennis) im Rasen des Elternhauses in Ohio freute, beschreibt er darin  hauptsächlich die gewaltigen Veränderungen, die die nordamerikanische Pflanzenwelt durch die mittel- und nordeuropäisch geprägte Kolonisierung und Kultivierung erfahren hat. Etwa ein Viertel der höheren Pflanzenarten Nordamerikas seien in den letzten 150 Jahren eingewandert, viele davon gezielt eingeführt und angebaut worden. Und etliche dieser Pflanzen prägen die Kultur der USA, wie wir sie heute kennen.

Das herrlich aromatische Soul-Food der Cajun-Küche am unteren Mississippi wurzelt auch in der Küche Afrikas. (Wenn es ganz hart kommt, spendet eine ordentliche Portion Jambalaya sicheren Trost!) Wesentlicher Bestandteil ist Okra oder Gemüse-Eibisch (Abelmoschus esculentus), eine der ältesten Gemüsepflanzen der Kulturgeschichte, ursprünglich aus Ostafrika stammend. Irgendwie gelang es nach den USA verschleppten Sklaven ihr Gemüse mitzunehmen und damit ein wesentliches Element ihrer Kultur. Hierzu gehören auch andere Pflanzen wie die Augenbohne (black eyed pea) und afrikanischer Reis, ja selbst Cannabis. Die westafrikanische Igelgurke (Cucumis anguria), deren Früchte verkocht wurden, gilt inzwischen in manchen Südstaaten als invasiver Neophyt.

Ein typisches Muster, wenn Menschen wandern, verschleppt oder vertrieben werden: Dinge mitzunehmen, die sie mit der alten Heimat noch verbinden, zumindest in Gedanken, Erinnerungen. Doch was ist besser geeignet zum Mitnehmen als Pflanzen, die in der Lage sind, die alte Heimat tatsächlich wieder aufleben zu lassen, das Bild von ihr, Geruch, Geschmack. Das gewohnte Essen, die vertrauten Umgebungen. Storl beschreibt in diesem Zusammenhang den intensivst gepflegten und gegen alle Widrigkeiten verbissen verteidigten „englischen“ Rasen der weißen Nordamerikaner als „echten Kultort“ im völkerkundlichen Sinne:

Die weißen Siedler trugen „die saftig grünen Weiden und den von Gänsen und Schafen kurz gehaltenen Rasen der Dorfanger und Allmenden als tief verankertes Bild in ihrer Seele mit in das fremde Land. Und überall, wo sie sich niederließen, umgaben sie ihre Häuser und Farmen mit einer dauerhaft grünen, kurz geschorenen Rasenfläche – eine Reminiszenz der saftigen nordwesteuropäischen Weiden und der Dorfanger, auf denen Kinder spielten und an Feiertagen getanzt, gesungen und getrunken wurde. […] Der englische Rasen ist also für die Seele dieser Einwanderer der fliegende Teppich, der sie zurück zu den grünen Ahnengefilden trägt.“ (1) Der Preis dafür ist hoch: der Düngemitteleinsatz für die US-Rasen übersteige den für die Nahrungsmittelerzeugung in der sog. Dritten Welt.

Die nordamerikanischen Graslandschaften wurden durch importierte Gräserarten in ihrem Charakter völlig verändert und europäischen Vorbildern angeglichen. Im hügeligen, saftig grünen, mit seinem Pferde- und Whiskey-Kult so britisch anmutenden Kentucky ist die ganz gewöhnliche europäische Wiesenrispe (Poa pratensis) als „Bluegrass“ zum identitätsstiftenden Symbol geworden. Eine Landschaft heißt danach und vor allem die Art „bodenständiger“ Musik, die man unwillkürlich mit einem von weißen Siedlern geprägten Nordamerika verbindet.

Die Prairie, die diese Siedler vorfanden, war ganz anders geartet, ein echtes Meer aus hohen Gräsern und Stauden, in dem selbst ein Reiter kaum zu sehen war. Doch wie man heute weiß, ist davon auszugehen, dass auch diese Prairie bereits Kulturlandschaft war. Indianer brannten gezielt Prairieareale ab, um frisches junges Grün sprießen zu lassen, von dem die Bisonherden angezogen wurden, was wiederum die Jagdumstände deutlich erleichtern konnte. Auch schon solche Eingriffe wirken verschiebend auf die Artenzusammensetzung an einem Ort.

Das Gänseblümchen im Rasen von Ohio ist in den USA ein Neophyt, eingeschleppt aus Mitteleuropa. Wir betrachten es ganz selbstverständlich als heimische Pflanze, mit der wir von Kindesbeinen an bekannt sind. Häufig ist es wohl die erste Blume, deren Namen wir kennen. Dabei ist Bellis perennis genau genommen ein Archäophyt, eingeschleppt aus dem Mittelmeerraum, von unseren Vorfahren vor langer, vorgeschichtlicher Zeit, ein typischer Kulturbegleiter. Zum häufigen Auftreten sei es jedoch erst mit der Einführung von Rasenflächen in Parks und Gärten gekommen (Wikipedia) – kann man nun das Gänseblümchen als eine invasive Art bezeichnen, die sich erst spät ihres invasiven Charakters besonnen hat?

Der Leiter eines Botanischen Gartens, der mit der Intensivbetreuung und Konservierung vom Aussterben bedrohter heimischer Arten befasst ist, hat mir neulich erzählt, dass etliche der besonders raren Arten leider ganz und gar unscheinbare oder sogar hässliche Pflanzen seien, wenig attraktiv für den Betrachter. Und würde man sie nun besonders behütet kultivieren, würden sich wiederum einige von ihnen als ausgeprochen aggressiv erweisen, als regelrechte Unkräuter, die man wiederum im Zaum halten müsse, damit sie andere Pflanzen nicht verdrängen.

Dynamik ist alles in der Natur. Der Mensch ist ein Verursacher vielfältiger Dynamik allüberall auf der Welt und sehnt sich dabei immer nach Beständigkeit, nach Ruhe, nach Statik. Sucht Halt im Getriebe, dem er von Natur aus ausgesetzt ist, das er aber seinerseits weiter intensiviert. Was heißt es, vor diesem Hintergrund Natur- und Artenschutz zu betreiben? Was ist gut, was ist böse im Arsenal der Pflanzen, die wir vorfinden, die wir kultivieren, die uns umgeben?


Literatur:
(1) Storl, Wolf-Dieter (2013). Die Pflanzen der Heimat sind die guten Pflanzen. Gartenpraxis 05, S. 70-73; dazu auch
Storl, Wolf-Dieter (2012). Wandernde Pflanzen. Neophyten, die stillen Eroberer. AT Verlag.