Wolfgang Herrndorf ist tot.

In einer Zeit, in der so viel geschrieben und gequasselt wird wie noch nie, hat er es geschafft, unvergessliche Szenen zu entwerfen und Formulierungen zu finden, die sich im Gedächtnis regelrecht verhaken. Wie Dornen. Mit einer oft ganz einfachen Sprache, so einfach und zugleich wild wuchernd wie Brombeeren am Bahndamm. Danke dafür.

Es ist jetzt die Zeit, wo die Brombeeren reifen. In seinem Roman „Tschick“ entwirft Wolfgang Herrndorf einen ganz diesseitigen, zeitgenössischen Garten Eden im Brachlandstreifen entlang der Autobahn. Ein Brombeergebüsch wird zum Ort der Labung, des Überflusses, von Verführung und Gesang, vom Erleben des zeit-enthobenen Augenblicks und vom Einssein mit sich und der Welt beim Verzehr der süßen Früchte und aus der Wahrnehmung des anderen Geschlechts.

Maik und Tschick, zwei halbwüchsige Jungs, unternehmen mit einem geklauten Auto eine kuriose Sommerreise. Um Benzin für ihr Auto aus einem anderen an einer Autobahnraststätte geparkten Fahrzeug absaugen zu können, brauchen sie einen Schlauch. Tschick erinnert sich, von der Autobahn aus ganz in der Nähe eine Müllkippe gesehen zu haben. Also machen sie sich zu Fuß dahin auf:

Wir liefen immer an der Leitplanke entlang auf einem kleinen Trampelpfad und dann wieder durch den Wald und über Felder und Zäune, immer in Sichtweite zur Autobahn. […] und während wir noch diskutierten, tauchte am Wegrand ein riesiges Brombeergebüsch auf. Das ging über fast hundert Meter, und die meisten Brombeeren waren noch nicht reif, aber da, wo die pralle Sonne draufschien, waren auch viele reife, und die schmeckten phantastisch. Ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnt habe, aber ich mag nichts auf der Welt lieber als Brombeeren. Da blieben wir dann erst mal und pflückten jeder hundert Kilo, und hinterher sahen wir aus wie geschminkt, das ganze Gesicht lila. Danach ging es mir wieder blendend, und ich hatte nichts dagegen, noch stundenlang weiterzulaufen auf der Suche nach einem Schlauch. (S. 149)

Auf der Müllkippe treffen sie Isa, ein wie verwildertes, „dreckiges Mädchen“, barfuß, mit aufgekrempelter Hose und „versifftem T-Shirt“, gleichaltrig. Kleine Machos, die sie sein wollen, zoffen sie sich mit ihr, sie hilft ihnen aber, einen Schlauch zu finden und folgt ihnen dann ungefragt auf dem Rückweg zur Raststätte. Dabei sagt sie, sie habe Hunger und Maik entgegnet, dass „dahinten“ Brombeeren seien. Auf diese Weise  hoffen die beiden Jungs, sie loszuwerden:

Ich dachte auch, dass das Mädchen irgendwann von allein zurückgehen würde, aber sie lief wirklich drei oder vier Kilometer weit mit bis zu dieser Brombeerhecke. Mittlerweile hatte ich auch schon wieder Hunger und Tschick auch, und wir stürzten uns zu dritt in die Brombeeren. […] Und dann fing das Mädchen an zu singen. Ganz leise erst, auf Englisch, und immer unterbrochen von kleinen Pausen, wenn sie Brombeeren kaute. […(Sie singt den Popsong, der für Maik eigentlich untrennbar mit seiner großen Liebe Tatjana verknüpft ist)] Ihre Aussprache war absurd. Sie konnte überhaupt kein Englisch, hatte ich den Eindruck, sie machte nur die Worte nach. Aber sie sang wahnsinnig schön. Ich hielt eine Ranke mit Daumen und Zeigefinger vorsichtig von mir weg und schaute zwischen den Blättern durch auf das Mädchen, das da singend und summend und Brombeeren kauend im Gebüsch stand. Dazu dann noch der Brombeergeschmack in meinem eigenen Mund und die orangerote Dämmerung über den Baumkronen und im Hintergrund immer das Rauschen der Autobahn – mir wurde ganz seltsam zumute. (S. 157-158)

Schließlich begleitet Isa die beiden Freunde auf ihrer Weiterreise und es kommt zu einer Annäherung zwischen ihr und Maik, die wegen Maiks Unsicherheit und Schüchternheit verebbt. Schon kurze Zeit später trennt sich Isa, die zunächst wie eine Klette an den beiden Jungs zu hängen und mit der sich dann eine intensive Freundschaft anzubahnen schien, kurzentschlossen und scheinbar emotionslos von ihnen, um mit einer Reisebusgesellschaft nach Prag weiterzufahren, wo ihre Halbschwester leben würde. Als die Sommerreise der Freunde ein dramatisches Ende findet, Maik zurück in der Schule ist und Tschick in ein Heim eingewiesen wurde, erhält Maik einen Brief von Isa, in dem sie nahtlos an die kurze gemeinsame Zeit anknüpft:

Hallo du Schwachkopf, Habt ihrs noch in die Walachei geschafft? Ich wette nicht. […] Ich fand es gut mit euch. Ich fands schade, dass wir nicht geküsst haben. Ich fand am besten die Brombeeren. Nächste Woche komme ich nach Berlin. (S. 250)

Einer der letzten Einträge in seinem Weblog Arbeit und Struktur lautet:

5.8. 2013 19:42

Westhafen. Mit Ines zum Kanal. Im Wald schnell Dämmerung, keine Johannisbeeren, dafür Brombeersträucher wie vor Monaten. Liegen bis in die Nacht am Ufer unter Sternen. Ihre Kinder, Mäckeritzbrücke, Saatwinkler Damm, Italien, Taxi.

Man kann nicht genug Brombeeren pflanzen, um der Wildnis und dem Garten Eden  ein paar Plätzchen einzuräumen, nun auch im Gedenken an den großen Wolfgang Herrndorf.