Quartiersplatz in Göttingen-Grone

Foto: Fabian Lippert, Bauwelt 15/2014: Quartiersplatz in Göttingen-Grone

Immer mehr wird die Härte zum Thema bei der Planung von öffentlichen Grünanlagen/Freiräumen, auch in den eigenen Projekten: robust, vandalensicher, unkaputtbar, das verspricht sich der (öffentliche) Bauherr davon. Die alltäglichen Erfahrungen und Beobachtungen wie die Nutzer die Anlagen gebrauchen, scheinen diese Anforderung zu bestätigen.

Eine nachgerade mustergültige Lösung habe ich heute gesehen, ein kleiner Quartiersplatz auf einem erhabenen Parkgaragendach in Göttingen, als „ein ganz neues, urbanes Element in dieser Umgebung, deren Freiraum bislang vor allem aus Grünflächen, Stellplätzen und Wendehämmern bestand“. (Brinkmann) –  Grün weg, Kunststoffboden und Betonbänke her. Dazu zwei hochaufragende Dächer, die „Follies“ genannt werden wollen, daran hängen Strahler, die das Geschehen darunter, auf dem Sitzmöbel, an der Tischtennisplatte, erbarmungslos ausleuchten – oder ins rechte Licht rücken? Spot an! Die Facebook-Generation kennt (und will?) es nicht anders? Ist es möglich, dass Geltungssucht und Hausmeisters Kontrollbedürfnis deckungsgleich werden?

Untersuchungen der ETH Zürich in Großwohnsiedlungen der 1960er Jahre haben ergeben, dass die Leute das Gleiche wollen wie eh und je – und es kollidiert wieder einmal mit den (Ordnungs-)Vorstellungen der Planer und Verwalter. Denn den Bewohnern gefallen ihre landschaftlichen, weich und weiträumig grün modellierten Wohnumfelder. Die Autorinnen der Studie stellen eine „ausgeprägte Divergenz“ zwischen dem Negativimage und der Innenwahrnehmung der Bewohner fest. Diese beschreiben die weiträumigen Grünflächen meist als Qualität, insbesondere Migranten schätzen den hohen Grünanteil. Wichtig seien Bepflanzung, Topographie und Abstände zwischen den Gebäuden: „Das gestalterische Motiv durchfließender Parklandschaften mit integrierten Spiel- und Aufenthaltsräumen bewährt sich nachwievor. Das Gefühl, nach Hause zu kommen, stellt sich für viele der befragten Bewohner gerade hier ein.“ (Althaus) Keine (urbane) Härte, weit und breit. Das Weiche entspannt.

In Göttingen sollen die stählernen Follies den visuellen Anreiz bieten, den erhobenen Platz zu erklimmen. Um sich „länger als nur für eine Verschnaufpause niederzulassen“ empfiehlt der Bauwelt-Kritiker dann doch, Kissen mitzunehmen. – Evoziert solche Gestaltung nicht zwangsläufig, dass man sich dagegen wehrt? Kann es nicht sein, dass sie von den Nutzern als Signal der Deklassierung instinktsicher erkannt wird? Ihr habt nur Härte verdient, alles andere macht ihr eh kaputt!

Müssen wir nicht kluge Strategien der Weichheit entwickeln? Milde und sanfte (besänftigende) Gestaltungen? Und nicht gegen die Coolness der harten Jungs antreten und sie, Hybris, auch noch überbieten wollen?

 

Quellen:
Althaus, Eveline; Glaser, Marie A.; Mühlebach, Claudia. „Weite Dichte: Schweizer Großüberbauungen“.  anthos 2014 (01), S. 4-7.
Brinkmann, Ulrich. „Umnutzung eines Parkdecks – Quartiersplatz, nachgereicht“.  Bauwelt 2014 (15)