Im Jahr 1873 kaufte König Ludwig II. die heruntergekommene, halb verwahrloste Insel Herrenwörth im Chiemsee. Nach der Säkularisierung war das Kloster der Augustiner aufgelöst und später in Teilen abgebrochen worden. Verschiedene Privatleute suchten dort ihr Glück, schließlich sollte die überwiegend bewaldete Insel komplett geplündert, sprich abgeholzt werden.

Ludwig verfolgte seit langem das Projekt eines eigenen Versailles, einer Schloss- und Gartenanlage ganz in Geist und Stil von Ludwig XIV, dem er sich eng verbunden fühlte. Eigentlich war Linderhof im Graswangtal des Ammergebirges dafür vorgesehen, Ludwigs erklärter Lieblingsort. Von der Gegend am Chiemsee war er „nicht eingenommen“, aber er erkannte schnell, dass die wilde Waldinsel der perfekte Ort war, um sein ganz privates, weltentrücktes und für Unbefugte unzugängliches Versailles zu realisieren. Absoluter Herrscher und Gestalter, wenigstens einer Insel von knapp 240 ha Größe.

Herrenchiemsee wurde sein ambitioniertestes und teuerstes Projekt, blieb wie so vieles unvollendet, trug wesentlich dazu bei, ihn aus dem Verkehr zu ziehen, setzte aber viele Architekten, Künstler und Bauhandwerker in Lohn und Brot. Und heute lebt der Chiemsee-Tourismus gut davon, seine Schiffe verfrachten täglich hunderte Ausflügler auf die Inseln. Zuvor waren jedoch einige Anstrengungen der Schlösserverwaltung notwendig, um die halb fertigen, lange Zeit vernachlässigten und nach einhundert Jahren halb verfallenen Anlagen instandzusetzen.

Tagsüber, im allgemeinen Ausflugstrubel, kann man dies allenfalls notieren, zur Kenntnis nehmen, es einigermaßen rational erfassen oder über aristokratischen Wahn und sein Erbe spekulieren. Ist es einem aber vergönnt, an einem lauen Sommerabend dort zu flanieren, in einer stillen blauen Stunde zwischen dem Verschwinden lärmender Tagesgäste und dem Auftrieb abendlicher Konzertbesucher, dann offenbart sich womöglich der besondere Zauber der Insel.

Die nach Westen gerichtete Gartenachse füllt sich mit Wärme und Licht des späten Tages. Die Wasser der Brunnen rauschen und versprühen sich glitzernd. Götter und Nymphen haben sich eingefunden, lagern und laben sich an den Becken, sind körperwarm und scheinen zuweilen zum Leben erwacht. Die Wiesen sind gemäht und das Heu liegt duftend zwischen den Heckenwänden. In der abendlichen Gartenszenerie fühlt sich die höfische Pracht an wie ein arkadisches Idyll. Ziemlich entrückt und beschaulich ländlich. Ein weiter Weg nach Paris, wie ehedem, aber nah bei den Elfen und Waldgeistern.

Herrenchiemsee: südlicher Marmorbrunnen, Amphitrite

Auf dem Konzertprogamm steht die Sommernachtstraummusik von Mendelssohn Bartholdy. Liebeswirrnis und Elfenspuk. Am südlichen Marmorbrunnen macht sich Amphitrite, die jugendliche Meeresgöttin, auf, vor dem Liebeswerben Poseidons reißaus zu nehmen und in den nahen Wald zu fliehen. Dem Münchner Bildhauer Hautmann ist es gelungen, sie, mehr als beim Versailler Vorbild, in einer mädchenscheuen Fluchtbewegung ganz lebendig werden zu lassen. Das Wasser plätschert, das Laub in den Baumkronen raschelt, die Musik hebt wispernd an. Noch verharrt Amphitrite – lauschend.

Poseidons Werben war letztlich erfolgreich und in Versailles präsentieren sich die beiden in einer eigenen Brunnenanlage als herrscherliches Paar. Der Bau des Neptunbrunnens auf Herrenchiemsee war für das Jahr 1889 eingeplant, er wurde jedoch nicht mehr ausgeführt. Bereits 1886 war Ludwig entmündigt worden, nicht zuletzt wegen der exorbitanten Aufwändungen für seine Bauprojekte, wenige Tage später war er tot. Amphitrite verharrt.

Sirrende Mücken an den schattigen Rändern des in der Hitze flimmernden Wiesenwegs. In den Dunst abgerückte Berge jenseits des Sees. Ein flirrender Schwebezustand in allem. Sommernachtstraum. Sommernachtstrauma.