Eindrücke und Notizen einer kurzen Reise ins Hessische, verstreute Orte in hochsommer-durchglühter Provinz.

Wo die Werra das „Grüne Band“ kreuzt, dort ist so ziemlich die Mitte von Deutschland. Die Trasse des ehemaligen innerdeutschen Grenzverlaufs verschlingt sich mit den Schleifen des Flusses und schnürt jeweils einen Zipfel von Hessen und Thüringen fast ab – historisch-geographische Divertikel gewissermaßen. Die Gegend ist eher dünn besiedelt und deshalb heutzutage eingebettet in ein Netz von Natur- und Landschaftsschutzgebieten um das „Grüne Band“ herum: der Buchenwald-Nationalpark Hainich, die Naturparke Eichsfeld-Hainich-Werratal, Meißner-Kaufunger-Wald und Münden, insgesamt ca. 2.300 km2 weich geformte Mittelgebirgslandschaft wie sie deutscher kaum geht. Muschelkalkplateaus, Flusstäler mit Ackerbaulandschaften in allen Braun- und Grünschattierungen, eingestreute Fachwerkdörfer und kleine Städte. Und lauter Namen wie aus Grimm’s Märchen.

Grenzanlagen innerdeutsche Grenze bei Altenburschla

Reste innerdeutscher Grenzanlagen bei Altenburschla/Werra

An einer Stelle steht noch ein Stück Grenzzaun scheinbar vergessen in der Landschaft herum, markiert jedoch eine Stelle, wo die Grenze (angeblich) eine konspirative Lücke hatte, ein überdimensioniertes Entwässerungsrohr unter dem Zaun als Kriechtunnel: die sog. „Agentenschleuse Wendehausen“ soll dem Austausch von Emissären in geheimer Mission gedient haben. Der Name war Programm, könnte man rückblickend sagen – und heute führt den geneigten Wanderer ein „Premiumweg“ dorthin. Im nahen Wald harren hie und da noch wacker einzelne Grenzp(f)osten aus, mit eigenartiger Physiognomie.

Kurpark Bad Salzhausen

Kurpark Bad Salzhausen

Ähnlich veloren und zeitvergessen versprüht sich die Fontäne im Kurpark von Bad Salzhausen. Das hessische Staatsbad hat, wie viele Kurorte, die besten Zeiten längst hinter sich. Bei sommerlicher Gluthitze sitzt man fast alleine beim Gradierwerk, umhüllt von rieselndem Wasser, feuchter Luft und kühlem Baumschatten. Der Park geht bereits auf die 1820er Jahre zurück und ist geprägt von vielerlei Baumarten aus aller Welt, die hier versammelt sind. Mehrere Solequellen treten im Park natürlicherweise oberirdisch (artesisch) aus, was zu seltenen Binnenland-Salzwiesen führt. Hier finden sich salzverträgliche Pflanzen (Halophyten), die man sonst nur an Meeresküsten antrifft.

Mauer in Gießen

Mauer in Gießen

Gießen ist ganz bröckelnder Charme und Chic der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit, vergraute Blütenträume und durch die Bahnhofstraße irrende albanische Flüchtlingsfamilien, an jedem Arm hängt ein kleines Kind…

Keltenmuseum Glauberg/Hessen

Keltenmuseum Glauberg/Hessen

Keltenmuseum Glauberg/Hessen

Keltenmuseum Glauberg/Hessen

Weiter südlich, am Ostrand der Wetterau entstand am Glauberg rund um die Ausgrabungen von keltischen Gräbern aus dem 5. Jh. v. Chr. ein echter neuer Ort. Der Museumsbau ragt wie ein Guckkasten in die weite Landschaft, gerahmter, fokussierter Ausblick, Farben und Stimmungen alter und gegenwärtiger Kultur-Landschaft fließen einprägsam zusammen. Nicht zuletzt sitzt man unter der auskragenden Ausstellungsebene auch an heißesten Sommertagen in tiefem Schatten, von sachtem Wind umweht.

Welterbestätte Kloster Lorsch

Welterbestätte Kloster Lorsch

Welterbestätte Kloster Lorsch

Welterbestätte Kloster Lorsch

Kloster Lorsch, auf einer Sanddüne in der Rheinebene vor dem Odenwald gelegen, ist einer der kulturgeschichtlich bedeutendsten Orte des Mittelalters. Baulich ist nicht viel geblieben, heute emblematisch verkörpert vom karolingischen Bau der sog. Torhalle aus dem 9. Jh. Die Grundrisse der nicht mehr erhaltenen Klostergebäude wurden jüngst im Gelände nachgezeichnet, als scharfkantig abgeböschte kleine Vertiefungen, sog. „Footprints“. Sichtachsen und neu geschaffene Wegeverbindungen sollen Bezüge zwischen verschiedenen Orte des Areals herstellen und das Gelände in seinen Zusammenhängen erlebbar machen. Dafür gab es den Landschaftsarchitekturpreis 2015.