Jörg Albrecht leitet das Wissenschaftsressort der FAZ und widmet sich in seiner Kolumne „Alles im grünen Bereich“ schreibend seiner Gartenneigung – immer wieder lesenswert. Die aktuelle Ausgabe handelt vom Weißdorn (Crataegus monogyna) und seinem Wert für einen „ökologisch wertvollen“ naturnahen Garten, in dem sowohl der Gärtner wie die heimische Tierwelt auf ihre Kosten kommen können. Er erwähnt einerseits den Nutzen, den der Mensch in früheren (schlechteren) Zeiten aus ihm zog und zählt einige Tierarten auf, für die der Weißdorn nachwievor wichtiger Bestandteil ihres Lebensraums ist, von den Raupen schöner Schmetterlinge (Segelfalter) bis zum bei uns selten gewordenen Neuntöter, der seine Jagdbeute auf den Dornen aufgespießt konserviert.

Unter den Raupen leider unerwähnt lässt er die der Gespinstmotte, zu deren erklärter Lieblingsnahrung der Weißdorn zählt. Im Extremfall ist der ganze Strauch vom feinen Gespinst zahlloser schwarzer Raupen überzogen und in kurzer Zeit kahl gefressen – ein durchaus gespenstischer Anblick. Sind die Sträucher vital, erholen sie sich von dem Befall und treiben wieder aus, muss aber nicht sein. Weil das halt eine der weniger idyllischen Ausprägungen von Natur ist, erwähnt man das vielleicht nicht so gerne, gehört aber zum Gesamtbild dazu.

Umwerfend ist freilich die Fülle weißer Blüten, die einen Höhepunkt des Frühjahrs in unseren Breiten darstellen. Umfassend gewürdigt und literarisch verewigt wurde dies von Marcel Proust, insbesondere im ersten Band von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“:

… beide riefen mich, erstaunt darüber, daß ich ihnen nicht auf dem kleinen Pfad in die Felder gefolgt war, den sie eingeschlagen hatten. Für mich erhob sich summend darüber der Duft der Weißdornhecken. Diese Hecken bildeten in meinen Augen eine unaufhörliche Folge von Kapellen, die unter dem Schmuck der wie auf Altären dargebotenen Blüten verschwanden; unter ihnen zeichnete die Sonne auf den Boden ein lichtes Gitterwerk, so als fiele ihr Schein durch ein Kirchenfenster; ihr Duft strömte sich so voll und überquellend aus, wie ich ihn vor dem Altar der Muttergottes stehend verspürt hatte, und die ebenso geschmückten Blüten trugen eine jede mit gleicher gedankenloser Miene ihr schimmerndes Strahlenbündel aus Staubgefäßen, feine glitzernde Rippen im spätgotischen Stil wie die, die in der Kirche das Gitter der Empore durchzogen oder die Kreuze der Buntglasfenster, die aber hier die weiße sinnliche Fülle von Erdbeerblüten hatten. (S. 184-185)

Gemeinhin gilt der Weißdorn bei Proust als Symbol für die Jugendliebe des Erzählers, Gilberte Swann; sexuelle Konnotationen in der Beschreibung sind nicht zu verkennen, Bezüge zum ländlichen Katholizismus irritieren, betonen aber erst recht den sinnlich aufgeladenen Gehalt seiner Beschreibung.

Mit Gilberte ist jedoch nicht irgendeiner von den vielen üppig weiß erblühten Weißdornen gemeint, sondern ein ganz bestimmter, auf den der Großvater den jungen Marcel erst hinweist, eine rosa blühende Mutante:

Und tatsächlich empfand ich ebenso wie angesichts der weißen Dornenhecke, aber doch mit noch größerem Staunen, daß nicht erst durch etwas Künstliches, durch einen Kniff der menschlichen Industrie die festtägliche Bestimmung der Blumen zustande gekommen war, sondern daß die Natur sie ihnen selbst spontan zum Ausdruck gebracht hat mit der Naivität einer dörflichen Händlerin, die Artikel für einen feiertäglichen Hausaltar herstellt, indem sie nämlich dieses Zweigwerk mit Rosetten von allzu süßem Rosa und in altmodischem Provinzgeschmack ausgestattet hat. […] In die Hecke eingefügt, und doch so verschieden von ihr wie ein junges Mädchen im Festgewand von den Personen im Werktagskleid, die zu Hause bleiben, bereit für die Maiandacht in der Kirche, zu der es schon ganz zu gehören schien, so leuchtete lächelnd, frisch eingekleidet, dieses katholische, dieses köstliche Gewächs. (S. 187-188)

Die Reflexion über den Weißdorn ist eingebettet in die Betrachtung des Swannschen Parks von außen, worin der Erzähler den Wunsch äußert, doch die heimlich angebetete Tochter Swanns vielleicht zu Gesicht zu bekommen. Zunächst erscheint der Park leer, doch unmittelbar im Anschluß an die Entdeckung des rosablütigen Weißdorns erspäht er durch die Hecke hindurch ein rotblondes Mädchen: Gilberte.

Vor diesem Hintergrund ist der Weißdorn ganz entschieden ein Gehölz, das in die Gartenwildnis gehört, ja sie geradezu verkörpert. Demnächst steht eine Reise nach Nordfrankreich an. Mal sehen, wieviele Weißdorne in den Heckenlandschaften der Normandie noch blühen.

Literatur
Proust, Marcel (1997): In Swanns Welt. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Erster Teil. Frankfurt am Main (suhrkamp taschenbuch, 2671).