Woran ich glaube? Imagination, Gärten, Wissenschaft, Gedichte, Liebe und diverse gewaltlose Formen von Trost. Vermutlich reicht das alles nicht, aber dort stehe ich gegenwärtig.

Als hätte Teju Cole ein Motto formuliert, für das, was ich hin und wieder hier versuche zusammenzutragen und auszudrücken, unzureichend und viel zu selten.

Teju Cole gilt vielen als der lässigste und kenntnisreichste Flaneur der gegenwärtigen Literatur – und tatsächlich: es gibt wenig vergleichbar Inspirierendes. Mit seltener Begabung verbindet er den (oft fotografischen) Blick aufs Detail nahezu umstandslos mit dem Großen Ganzen, und zwar nicht abstrakt oder akademisch anmutend sondern mit Zuwendung, Gespür, Wärme für die Situationen, die er notiert und die Akteure, die er trifft, beschreibt, portraitiert. Es entsteht ein Strom aus Nachrichten aus der komplexen Welt, in der wir leben, gleichermaßen aus der realen Welt mit ihren sozialen Bindungen und Verwerfungen, wie aus der poetischen Welt, die dahinter liegt oder die er vielleicht viel mehr darin verwoben sieht und der er ständig auf der Fährte ist.

Er ist ein Kundschafter in einer unübersichtlich gewordenen Welt. Er schlägt aber nicht ordnende Schneisen und versucht nicht, den Raum übersichtlich zu reorganisieren. Mit seinen umfangreichen Detailkenntnissen knüpft er in dieser Wildnis eher ein Netz aus Merkpunkten, Wegmarken, mit dessen Hilfe man sich orientieren und zurecht finden kann, sich eher elegant hindurchschlängeln kann anstatt grobe Schneisen schlagen zu müssen. Umgebung, Gesellschaft, Natur, Wildnis als Mitwelt, nicht als Gegnerisches, das es zu bezwingen gilt.

Das wild Wuchernde, die Vielgestalt und Fülle der Blüten, die scheinbar chaotische Struktur, der tieferliegende Prinzipien der Selbstorganisation innewohnen – ob so ein Garten aussähe, der Teju Cole gefallen würde? Als ein Garten auf der Höhe der Zeit gilt manchen der Garten Alst am Niederrhein. Mit großer Zuneigung zum (eigentlich banalen) Ort haben Daniela Pawert und Torsten Matschiess in etwas mehr als zehn Jahren aus knapp einem Hektar Maisacker einen arten- und strukturreichen Garten entwickelt, ein Stauden- und Gräserdickicht vor allem, das nur von wenigen Trampelpfaden erschlossen wird. Aus der Acker-Wüste ein Paradies geformt, etwas blumig formuliert. Besucher mit konventionellen Gartenvorstellungen sind offenbar des Öfteren irritiert, die vermeintliche Gartenwildnis erschließt sich erst, wenn man in den Details Bescheid weiß, gute Pflanzenkenntnisse hat, die Arten und Sorten erkennt oder weiß, wie Vegetationsdynamik funktioniert. Die Gestaltung folgte kaum räumlichen Ordnungsvorstellungen, wie sie den klassischen Garten prägen, sei er formaler oder landschaftlicher Art. Den Pflanzen, insbesondere Stauden, wird Raum gegeben und den malerischen Motiven nachgespürt, die sich aus ihrer Zusammenstellung und Eigenentwicklung, aus Konkurrenz und Zusammenspiel ergeben. Auch hier ist der fotografische Blick aufs Detail ganz wesentlich, auf Reize, Imaginationen, die daraus gewonnen werden. Und es ist ein Gärtnergarten par excellence, es gibt also so gut wie keinen Rasen.

Hat diese Zuwendung zum Detail und dieses Bedürfnis, sich mit der Um- und Mitwelt zu verweben, womöglich eins zu werden, etwas Biedermeierliches im Sinne von Rückzug auf Privates, Eskapismus gar? Man mag das so sehen, wenn man an die Kraft der großen Veränderung und der herrschaftlichen Geste glaubt. Oder sind Cole und die Gärtner vom Niederrhein nicht eher Vertreter einer Graswurzelbewegung im wahrsten Sinne des Wortes, die dort wirken, wo letztlich alles entsteht, mit den Händen im Erdreich wühlend?

Das Eingangszitat von Teju Cole beschließt ein Gespräch, das er mit dem Schriftstellerkollegen Aleksandar Hemon führte, ist der Schluss des letzten Absatzes. Dieser letzte Absatz beginnt wie folgt:

Was den Glauben betrifft: Ich glaube weder an den christlichen noch den muslimischen noch den jüdischen Gott. Ich hänge ein bisschen an einzelnen Yoruba-Gottheiten und den griechischen Göttern; ihre Geschichten sind einfach zu gut, zu hellsichtig, um sie ganz über Bord zu werfen, aber ich bitte sie nicht um Gefallen.

Seit einer Weile verfolge ich ein paar Weblogs der sog. „Neuen Rechten“, um besser zu verstehen, was vor sich geht und ins Erodieren gerät. Besonders beängstigend dort ist die Inanspruchnahme der monotheistischen Religionen, entweder als erklärter und unversöhnlicher Feind (Islam) oder als Rechtfertigung für den eigenen Rassismus und exklusiven Standpunkt (Christentum) – ohne substanziell Ahnung zu haben von der einen wie der anderen Religion. Diese Leute merken teilweise gar nicht, wie ihre, meist eingebildete, selten vorhandene, „Gläubigkeit“ missbraucht wird, um Menschen und Gesellschaften aufeinander zu hetzen. Dabei ist nicht zu verkennen, dass der Keim für den aufkommenden Unfrieden in den monotheistischen Religionen selber liegt, in ihrer Unversöhnlichkeit, im Allmachtsanspruch des jeweils einen, einigen Gottes. Da sind sie wieder, die Ordnungsvorstellungen, die Schneisen, die Verachtung des Wuchernden, des Dschungels, der Vielfalt. Ihre Unduldsamkeit verursacht das größte Chaos, weil sie seit Jahrhunderten partout negieren, dass Welt und Leben Vielfalt bedeuten, auch Unübersichtlichkeit, Arten- und Götterreichtum. Und dass es darum geht, wie der nur zurückhaltend ordnende Gärtner, die Verhältnisse so zu arrangieren, dass alle teilhaben können, zur Geltung kommen und das Gesamtbild uns beglückend überwältigt. Schön wär’s?

Die Graswurzelarbeit geht damit los, dass man sich umfangreiches (Pflanzen-)Wissen aneignet, um den Überblick zu gewinnen. Sich aber dann auch in den Details auskennt, um zu wissen, welcher Ton, welche Pflanze wo sich heimisch fühlt, am besten zur Geltung kommt. Alle Pflanzen berücksichtigen, die heimischen wie die migrierten, ganz wichtig. Denn ohne die Migranten werden wir neue Herausforderungen im Gärtnern, wie den Klimawandel, nicht bewältigen können. Oder auch keine neuen Bilder, Imaginationen schaffen. Auch hier sind (quasireligiöse) Reinheitsvorstellungen fehl am Platz, da sie immer exklusiv wirken. Eine Haltung, die vielleicht für kleine überschaubare und klar abgegrenzte Räume funktionieren mag, aber nicht für Städte, Regionen, Landschaften, Länder und Kontinente. Das führt zu einem großen Durcheinander? Mag sein. Zu einem Einheitsbrei aber sicher nicht. Und lieber ein solches quicklebendiges Durcheinander als die tabula rasa, die uns droht.


Teju Cole: Ein Gespräch mit Aleksandar Hemon, in
Cole, Teju. Vertraute Dinge, fremde Dinge. Essays. Herausgegeben von Hanser Berlin. Übersetzt von Uda Strätling, 2016.