Den Bregenzerwald, seine Hauslandschaft, seine Architektur und Handwerkskunst muss man eigentlich nicht mehr groß besingen, das Lied ist hinreichend bekannt inzwischen. Die Freude, hierher zu kommen oder durchzureisen, bleibt jedoch ungetrübt. Stets gibt es Neues zu entdecken, die Entwicklung hat noch lange kein Ende gefunden, so mutet es an. Dieses Mal besuchen wir die unweit des Reiseweges gelegene Kapelle von Salgenreute. Im April 2016 wurde sie fertiggestellt, ein Gemeinschaftsprojekt der Einwohner der umgebenden Weiler mit dem vorarlberger Architekten Bernardo Bader. Viele haben mitgedacht, mitgewerkelt, mitfinanziert. Und das Ergebnis ist nichts weniger als ein Emblem für das, was den Bregenzerwald heute ausmacht. Das Gespür für den Ort, das Wesen der Landschaft. Das Erkennen: die eigene Kulturtradition wurzelt in dem, was diese Landschaft und ihre Natur hervorbringt und was der Mensch nutzt, fördert, weiterentwickelt, aber auch schont und achtet. Die alte Holzwirtschaft, die über die Jahrhunderte zu einer Perfektion des Holzhandwerks geführt hat, die ihresgleichen sucht. Der Gemeinsinn, der dieses Wissen und Lebensgefühl weiterträgt und inzwischen immer selbstbewusster seine Zeichen setzt.

All dies verdichtet sich in dem kleinen sakralen Bauwerk, wird regelrecht auf den Punkt gebracht, bündig zusammengefasst auf dieser kleinen Erhebung am Ende eines Höhenrückens. Nicht auftrumpfend sondern höchst konzentriert. Ein schindelbekleidetes intimes Gehäuse auf einem Natursteinsockel. Der Verzicht auf den Turm ist logische Folge dieser Konzentration auf das Wesentliche. Präziser Minimalismus, an jeder Stelle perfekt durchgeführt bis hin zur schmalen scharfen Dachtraufe. Minimalismus, der jedoch an keiner Stelle kühl oder distanziert wird, sondern spontan vereinnahmt, schon allein mit der Wärme der hölzernen Oberflächen. Im Innenraum aus Lärche und Tanne, sägerauh oder „mit feinem Bandsägeschnitt“, wie der Begleitband präzise vermerkt. Das Tannenholz in der Apsis weiß gekalkt, der Raum hell und licht. Die Madonnenfigur der Vorgängerkapelle tritt aus der Hauptachse fast demütig zur Seite und gibt den Blick frei nach draußen, auf eine alte Baumgruppe und wildnishaftes Gestrüpp wie aus Zeiten, als die allerersten Kapellen hier errichtet wurden. Innige Verbindung mit Ort und Landschaft, Besinnung auf das Herkommen, Nachdenken über das Weitergehen.

Das Weitergehen hat sich im „Werkraum Bregenzerwald“ selbstbewussten Ausdruck verschafft. Das 2013 von Peter Zumthor errichtete Gebäude im Zentrum von Andelsbuch lotet mutig die Grenzen der Maßstäblichkeit des kleinen Ortes aus. Die gläserne Halle unter einem hohen Dach öffnet sich ebenfalls großzügig zur Umgebung, stellt Bezüge her, nimmt Einflüsse auf, wirkt wie ein baulicher Filter – oder Katalysator? Das Gebäude versteht sich als „Bühne für das Handwerk“: es gibt wechselnde Ausstellungen, einen Shop mit regionalen Erzeugnissen, viel Lesestoff zum Thema – und viele Werbeflyer. Die Handwerker hier haben es weit gebracht. Ist die Kapelle von Salgenreute das Konzentrat ihrer Handwerkskunst, dann ist der Werkraum der ganz weltliche Marktplatz, wo man nicht so bescheiden auf das eigene Können aufmerksam macht, um die gut laufenden Geschäfte weiter zu befeuern. Handel und Wandel trifft auf Behüten und Bewahren.

Ein konkretes Beispiel dafür, wir handwerklich-industrielle Wertschöpfung, respektvoller Umgang mit Natur und Landschaft, nachhaltige Landbewirtschaftung, Erhaltung und Vermittlung örtlicher Kulturtradition in ein übergreifendes Konzept eingebunden werden können, das auch noch touristischen Mehrwert schafft, ist das Große Walsertal, seit 2000 „Biosphärenpark“. In Sonntag, dem Hauptort des oberen Walsertales, gibt es das Biosphärenpark-Haus, das all diese Zielsetzungen quasi in einem Gebäude vereinigt. Der 2009 vom vorarlberger Architekten Johannes Nägele errichtete Bau ist im Kern eine Käserei, die den lokalen Bergkäse „Walserstolz“ produziert (aber zum Emmi-Konzern gehört). Darum herum „gewickelt“ sind öffentliche Räume für Ausstellungen, Veranstaltungen, Informationsstelle, Verkaufsraum. Aus der Ausstellung zum Naturraum gibt es Guckfenster in die moderne Käserei, durch die man den laufenden Betrieb und das Käsen beobachten kann. Die „Erlebnissennerei“ im ersten Stock bildet dagegen eine alte Sennerei nach, wie sie auf den Alpen verbreitet war und wo noch bis in die 1970er Jahre der Kupferkessel über dem offenen Feuer hing – so die eigene Erinnerung an die Fatnella-Alpe oberhalb von Fontanella. Auch im Walsertal hat die Besinnung auf das Natur- und Kulturerbe inzwischen zu einer ganzen Reihe von lokalen Initiativen geführt, die sich seiner annehmen und es mit neuem Leben und Bewusstsein erfüllen. Grund genug, immer wieder in Vorarlberg vorbeizuschauen.