Amok in Suburbia

Die Süddeutsche Zeitung widmet heute die erste Seite des Feuilletons dem Abgesang auf die Vorstadt. Aus den USA wird vom schleichenden Siechtum und nahenden Ende des „Paralleluniversums“ derjenigen berichtet, die sich dem Kaufrausch hingeben: der Mall. Selbst zur Erlebniswelt aufgemotzt schaffen es die letzten Projekte derzeit nicht mehr zur Realisierung. Die noch Geld haben, finden Malls inzwischen sehr uncool, die anderen können sich den Einkauf selbst in den alten, ramschigen Konsumbaracken nicht mehr leisten. Und ihnen wird das Häuschen in Suburbia gepfändet.

Billig und ohne echte langfristige Perspektive sind beide errichtet worden, Mall und MacMansion. Berge von unverwertbarem Rest- und Sondermüll. So stehen viele einfach verlassen herum und es beginnt darin neues Leben zu sprießen. Es heißt, die Malls würden zum neuen Pompeji der Hobbyarchäologen. Und in den verlassenen Villengegenden würden die Skater echte Umwelthygiene betreiben, in dem sie die Pools ablassen, sie zur Halfpipe umnutzen und so die Ausbreitung von gefährlichen Krankheitserregern verhindern, die sich in den versumpfenden Planschbecken angeblich festsetzen.

Suburbia verwildert, eine mögliche Variante angesichts rarer werdender Ressourcen. Dass es überhaupt zu dem unsinnigen Phänomen von Suburbia in seiner vorgefundenen Form gekommen sei, dafür werden auch die Architekten verantwortlich gemacht, denen es nicht gelungen sei, “ die Mehrheit der Öffentlichkeit vom Wert der Architektur im persönlichen Alltag zu überzeugen.“ Und nur widerwillig und gezwungenermaßen würden sich die Planer jetzt mit den Vorstädten und semiurbanen Landschaften befassen.

Fast im gleichen Atemzug wird dann der mögliche Ausweg aufgezeigt, den die Klientel sich vorstellt: die Hyper-Idyllisierung, die Inszenierung der kleinstädtischen Behaglichkeit mit neo-traditionalistischen Fassaden. Hatten wir das nicht schon durch?

Ein weißes Gebäude mit einer Dachterrasse, Wintergarten, sauber gestutzte Bäumchen davor. Gehobener Mittelstand – wie fast alles hier in Weiler zum Stein, dem Ort mit gerade einmal 3000 Einwohnern, wo in den Gärten die Schneeglöckchen blühen und alles so friedlich und geordnet aussieht. Ausgedehnte Siedlungen mit schmucken Einfamilienhäusern ziehen sich die Hügel hinauf, Obstbäume säumen die Fluren.

Hier wird ein schwäbisches Neckarlandidyll gezeichnet, tief in der Geschichte verwurzelt. Weiler zum Stein: das klingt nach Justinus Kerner und schwäbischer Dichterromantik. Die Gegend zwischen Marbach (Schiller) und Nürtingen (Hölderlin). Oder Zuffenhausen (Porsche), Untertürkheim (Daimler), Waiblingen (Stihl), Göppingen (Märklin) usw. Eine (noch?) prosperierende Region dank Autoindustrie und der unsäglichen Kilometerpauschale.

Das oben beschriebene Haus wird in diesem Artikel auf der Seite 3 der SZ auch abgebildet: eine zeitgenössische Burg: Burgtor für schweres Gefährt  im Tiefgeschoß, vermutlich ferngesteuert. (Dort ist angeblich auch ein hauseigener Schießstand untergebracht.) Ein wehrhafter Anbau am hohen älteren Haus, die Dachterrasse darauf vermittelt den Eindruck eines Wehrgangs. Wie man inzwischen weiß, lagerten in diesem Haus mehr als ein Dutzend Schusswaffen und 4600 Schuss  Munition – in einem 3000-Seelen-Dorf. Welche Ängste wohnen/wohnten dort? Oder ist diese Munitionsmenge nur dem kaufmännischen Geist, der Krämerseele geschuldet: 5000 Schuss sind billiger als 50 im Einkauf?

Es ist der Tag nach dem Amoklauf eines 17-jährigen in jener Gegend, aufgewachsen in diesem Haus. Ums Leben kamen 16 Menschen, mehrheitlich Mädchen und Frauen. Zahltag.

Wurde schon einmal der Zusammenhang von Puritanismus und Suburbia untersucht? Und ob es hierbei wiederum eine Korelation mit Gewaltexzessen, insbesondere Amokläufen gibt?

Auf der Wissenschaftsseite der SZ gibt es heute Folgendes zu lesen: In einem schwedischen Zoo bewarf ein Schimpanse jeden Tag pünktlich um 11 Uhr die Besucher mit Steinen und brüllte dabei wütend. Es war zunächst ein Rätsel, woher der Affe die Munition hatte. Bis er von Tierpflegern dabei beobachtet wurde, wie er früh morgens Steine aus dem Wassergraben um sein Gehege fischte und sie zu Munitionsvorräten entlang des Grabens aufhäufte. Planmäßig. Für die Evolutionsbiologie eine sensationelle Angelegenheit, das Verhalten des eingesperrten Affen.

Coole Hunde, die Poolskater. Weiter so.

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1 Kommentar

  1. Zu versuchen, dem Schrecken gedanklich auf die Spur zu kommen, ist eine Sache. Vom Schrecken überrascht zu werden, eine andere. Der ganze heutige Tag ist geprägt von Meldungen über Drohungen an Schulen durch sog. „Trittbrettfahrer“. Auch unser Sohn kauerte heute mit seinen Mitschülern für ungewisse Minute am Boden im versperrten Klassenzimmer, nachdem die Schulleitung eine Warnmeldung durchgegeben hatte. Nachher war die Schule von Scharfschützen umstellt. Auslöser war Alarm in einer Nachbarschule. Leider gab es eine denkbar schlechte Kommunikation zwischen Polizei und Schulleitung, diese hatte keine Klarheit über die Gefahrenlage. Am Ende ließ sich die Polizei dazu verleiten, den Schülern gegenüber beruhigend von einer Übung zu sprechen – obwohl es einen tatsächlichen Alarm gegeben hatte. Da ist dringender Handlungsbedarf bei den öffentlichen Stellen gegeben, bei Polizei und Schulbehörde. In solchen Situationen muss Offenheit und Klarheit herrschen!

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