Im Labyrinth von Marfa/Texas

Life is not your destination. It’s your journey. That’s my plan.

Sagt Traci spät abends, auf einem Hocker im Hinterhof ihres Motels in Marfa/Texas sitzend. Im Hintergrund zucken Blitze, man hört den Wind sich erheben und entferntes Donnergrollen. Austin Lynch war für das Interview Project seines Vaters David Lynch tausende Meilen unterwegs auf den Neben- und Seitenstraßen der USA und hat die einfachen Leute dort getroffen, wo sie leben oder wo sie eben gestrandet sind, hängengeblieben auf ihrer Reise. Interviews am Straßenrand, auf Parkplätzen, in Vorgärten und Hinterhöfen. Triste austauschbare Orte zumeist, ergreifende Geschichten mit wenigen Worten und sprechenden Gesichtern erzählt.

Das erinnert an eine Lektüre vor vielen Jahren: William Least Heat Moon, ein Literaturprofessor indianischer Abstammung, hatte sich ebenfalls auf den Weg gemacht, das einfache Amerika zu erkunden, auf Nebenstraßen und abseits der Metropolen. Daraus ist sein lesenswerter Reisebericht „Blue Highways“ entstanden (1982). Im Kapitel „West-Südwest“ schildert er seine Begegnung mit Kendrick Fritz, einem Hopi, den er in der Cafeteria des State College in Cedar City/Utah kennenlernt. Fritz erzählt ihm vom Leben und der Religion der Hopi, von der Vorstellung der „Vier Welten“. Es taucht das Hopi-Symbol der „Mutter Erde“ auf, das sich in verschiedenen Felsgravuren des Südwestens findet und ganz ähnlich in vielen indianischen Kulturen Nord- und Südamerikas verbreitet ist. „Hopi-Legenden sind voller Wanderungen“, sagt Fritz und Least Heat Moon schreibt zur Interpretation des Mutter-Erde-Symbols:

Seine Linien stellen den Weg dar, dem ein Mensch auf seiner „Lebensbahn“ folgt, wenn er durch Geburt, Tod, Wiedergeburt hindurchgeht. Die menschliche Existenz besteht wesentlich aus einer Reihe von Reisen, und das Symbol dafür ist eine Art Landkarte der wandernden Seele, das Abbild eines Prozesses; aber es ist auch, wie die meisten Hopi-Symbole  und -Zeremonien, eine Erinnerung an die kosmischen Muster, nach denen sich alle Menschenwesen bewegen.

Mutter-Erde-Symbol der Hopi

Mutter-Erde-Symbol der Hopi

Labyrinth

Labyrinth, Münzen aus Knossos, 467 – 430 v. Chr.

Ob Traci das „Buch der Hopi“ kennt? Wahrscheinlich nicht. Aber sie lebt dort in diesem Land und ist ein Teil dieses Landes geworden. Ist ein Teil der langen Reise des Menschen. Denn erstaunlich: Das Hopi-Symbol findet sich bereits nahezu identisch als „Labyrinth“ in der kretischen Kultur, als Gefängnis des Minotaurus und Grundriss des Palastes von Knossos. Und beide sind wiederum nur Teil einer uralten prähistorischen Fruchtbarkeitssymbolik der Schlange (György Doczi, The power of limits, 1981). Womit wir dann fast schon wieder bei Esopus Spitzenburg sind.

Die Reiseroute von Lynch schlängelt sich in den nächsten Wochen weiter durch das Nebenstraßen-Labyrinth der USA, alle drei Tage soll ein neues Interview freigeschaltet werden. Eine faszinierende Reise in die Weite und Tiefe der menschlichen Existenz, unternommen an den Rändern und Nebenschauplätzen unserer urbanen Zivilisation und zugleich unterwegs im Zentrum, im Herzen ihrer Mythen, Überlieferungen, Erzählungen.

 

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1 Kommentar

  1. Es ist ganz offensichtlich ein Krisenzeichen, dass sich die USA der einfachen Leute und der einfachen Landstraßen besinnen. In der heutigen Ausgabe der NYT fragt Madge aus L.A., ob es eine gute Idee sei, auf Nebenstraßen von Kalifornien nach New York zu reisen und was es dabei zu beachten und zu sehen gebe. Und natürlich empfiehlt man ihr, der Spur von Least Heat Moon zu folgen. Zum Nachlesen und Reise planen: http://intransit.blogs.nytimes.com/2009/07/30/qa-a-solo-cross-country-trip/

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