Rasenmähen ist keine gärtnerische Tätigkeit und ein richtiger Gärtner hat mit Rasen nichts am Hut.

Mein Gärtchen misst gerade mal 40 m² und die meiste Fläche davon ist auch noch gepflastert, damit man sich im Garten frei bewegen kann. Dennoch wachsen dort grob geschätzt 250 Pflanzenarten mehr oder weniger wild durcheinander.  Jetzt im Mai tendiert der Garten zum Dschungel und der Lichteinfall am Boden entspricht in etwa dem im Amazonas-Regenwald. Und das ist wunderbar: viel luftiger Baumschatten und nicht diese stehende Hitze unter Sonnenschirmen.

Den halben Tag habe ich damit zugebracht, dem Feldahorn am Haus etwas Biomasse zu entnehmen, um das Farmland der Ameisen zu verkleinern und so ihre Blattlausherden ein wenig zu dezimieren. Der klebrige Regen unterm Baum wurde doch allmählich unangenehm. Weil es so wenig geregnet hat die letzten Wochen, glänzt das Pflaster rundherum wie nach einer Lackversiegelung. Hier und dort habe ich noch etwas herumgeschnippelt, den Zugang zum Kompost wieder freigeschnitten und der einen oder anderen Pflanze durch einen gezielten Griff oder Schnitt etwas mehr Konkurrenzvorteil verschafft. Dann noch kräftig gegossen, mit einem Gewitter scheint es heute nichts zu werden. Die Spatzen tobten um mich herum, eine Amsel inspizierte den frischen Kompostinhalt.

Gerade hatte ich beschlossen, dass es nun gut war –  da ließ die Nachbarin ihren Rasenmäher an und dröhnte den friedlichen Samstagnachmittag zu. Also verließ ich das Paradies und sinnierte über das Gartenphänomen Rasen.

Der Rasen, wie wir ihn heute kennen, ist eine Erfindung englischer Landadeliger im 17. Jh und wurde zu einem wesentlichen Element im Englischen Landschaftsgarten. Und weil die Entwicklung dieses Gartenstils eng mit der Demokratisierung der Gesellschaft und (Garten-)Kultur verknüpft ist, prägt er  bis heute das gängige Bild einer gefälligen Grünanlage, eines “schönen Gartens”. Und jeder Hausbesitzer meint nun offenbar, er sei auch ein Landlord. Jene ließen ihre Rasen beweiden, dann von Heerscharen von Bediensteten mit Sense und Sichel kurz halten, das konnten sich nur wenige leisten. Rasen ist in seinen Anfängen also viel mehr ein Statussymbol als ein Emblem für demokratische Gartenkultur. Und nichts anderes als ein Statussymbol ist er heute noch in nahezu allen Privatgärten. Doch nichts für Gärtner.

Rasenflächen gehen auf Weideflächen zurück, sind also eine landwirtschaftliche Nutzungsform und untrennbar mit der Viehhaltung verbunden. So werden sie auch gepflegt: großflächig und gleichmacherisch beweidet, gemäht, gedüngt. Nichts von kleinteiliger und selektiver Kultivierung, von der die Gartenkultur ihrem Wesen nach geprägt ist. Der Rasenliebhaber ist also eher ein Landwirt, am liebsten ein Großgrundbesitzer, wenn auch meist ein verhinderter. In Gärten von Gärtnern finden sich kaum Rasenflächen. Ein Grenzfall ist die Obstwiese, eine Mischnutzung aus gärtnerischem Obstbau und einer landwirtschaftlichen Mähwiese – in der aber, wird sie richtig gepflegt, vielerlei Stauden blühen.

Musterbeispiel für einen aktuellen Gärtnergarten ist der Jardin Agapanthe von Alexandre Thomas in der Normandie. Ich kann mich nicht erinnern, dort auch nur ein Fitzelchen Rasen gesehen zu haben (Stand 2005). Dafür wandelt man in einem labyrinthischen Wunderwald üppiger Vegetation. Nicht kurzgeschorener.