Im April erblüht im kargen Weideland am Mittelmeer das übermannshohe Gemeine Rutenkraut, Ferula communis, mit leuchtend zitronengelben Blütenständen an sparrigen Stengeln. Es ähnelt dem Fenchel, ist aber viel größer und kräftiger in allem und wird deshalb auch Riesenfenchel genannt. Es ist eine Art Weideunkraut, weil für das Vieh giftig, insbesondere wohl für Schafe, und wird deshalb von ihm gemieden. Bei den Römern hieß die Riesenstaude Narthex und sie gebrauchten die kräftigen, zähen Stengel als Ruten zur Züchtigung von Sklaven und Kindern, worauf der botanische wie der deutsche Name hindeuten.

In Botanischen Gärten in Wädenswil/Schweiz und Frankfurt, wird seit ein paar Jahren versucht, Ferula communis als Staude im Freiland zu kultivieren. Möglich, dass die Klimaveränderung in besonders milden Gebieten es bald zulässt, sie auch bei uns zu verwenden, das wäre jedenfalls ein echter Hingucker.

In der antiken Mythologie erscheint Ferula/Narthex an exponierter Stelle. Prometheus hatte die Menschen erschaffen, erzogen und gelehrt. Sie entwickelten sich erfolgreich und ihr Erfolg sorgte langsam für Unruhe bei den olympischen Göttern. Prometheus war sich seiner Schöpfung und seines Verstandes so sicher, dass er meinte, die Götter und Zeus in persona übervorteilen zu können. Doch Zeus durchschaute ihn. Das weitere Geschehen schildert Gustav Schwab in seiner unnachahmlich packenden und knappen Weise:

Zeus beschloß, sich an Prometheus für seinen Betrug zu rächen, und versagte den Sterblichen die letzte Gabe, die sie zur vollendeteren Gesittung bedurften, das Feuer. Doch auch dafür wußte der schlaue Sohn des Iapetos Rat. Er nahm den langen Stengel des markigen Riesenfenchels, näherte sich mit ihm dem vorüberfahrenden Sonnenwagen und setzte so den Stengel in glostenden Brand. Mit diesem Feuerzunder kam er hernieder auf die Erde, und bald loderte der erste Holzstoß gen Himmel.

Es gibt schon bei antiken Autoren verschiedene Versionen des Mythos und seiner literarischen Verarbeitung. Prometheus hat sich Zutritt zum Olymp verschafft und eine Fackel am Sonnenwagen entzündet. Oder aber er war in der Schmiede von Hephaistos und hat sich dort am Feuer der Esse bedient (bei Aischylos). Jedenfalls hat er ein Stück glühender Holzkohle in den hohlen Stengel des Riesenfenchels gegeben, das Mark zum Glimmen gebracht und so die Glut zu seinen Menschenkindern entführen können. Ein Aufstand gegen Zeus und seine olympische Götterwelt, mit dessen Folgen wir heute noch täglich zu ringen haben, ohne den aber die „Menschwerdung“ nicht denkbar wäre.

Funktionieren konnte das nur, weil das leicht entzündliche, schwammige Mark des Stängels sehr langsam und schwelend verbrennt, ohne die Rinde des Stengels völlig zu zerstören. Deshalb wurden die Narthex-Stengel in der Antike als Zunder beim Feuermachen verwendet oder um Glut in den Stengeln zu verwahren und zu transportieren. Nach Graves trugen griechische Inselbewohner noch im 20. Jahrhundert Feuer im Stengel von Ferula von einem Platz zum anderen. An anderer Stelle heißt es auch, die Giftigkeit für Tiere sei genutzt worden, um wichtige Dokumente in den hohlen Stengeln vor (Mäuse-)Fraß geschützt aufzubewahren.

Segesta/Sizilien, April 1986

Tempel von Segesta/Sizilien mit Ferula communis, (c) Barbara Bücheler 1986

Eine weitere mythologische Konnotation von Ferula betrifft den Dionysos-Kult: die ihn in seinem Zug durch die Welt begleitenden, weintrunkenen und „wahnsinnigen“ Satyrn und Backchen stützen sich jeweils auf einen Thyrsos, einen efeuumwundenen Stab von Narthex, bekrönt von einem Pinienzapfen. Es heißt, dass diese Stäbe stark genug seien, um Betrunkene zu stützen, aber nicht schwer genug, als dass sich „Rasende“ damit gegenseitig verletzen könnten. Astrid Scharlau berichtet davon, dass auch heute noch Thyrsos-ähnliche Stäbe aus Ferula von Hirten auf Naxos bei Karnevalsriten, in denen dionysische Kulte fortleben, getragen werden.

Als Kinder war unser liebster Spielplatz ein nahegelegenes Brach- und Schuttgelände. Dort streunten und zündelten wir nachmittagelang herum. Zu Zigaretten hatten wir keinen Zugang, also rauchten wir, was uns in die Finger kam, rings um uns herum wuchs. Das waren dürre, hohle, innen leicht markige Stengel, die schön langsam abbrannten und deren Rauch etwas schärflich schmeckte. Es war ein bei uns heimischer Vertreter aus der gleichen Familie wie Ferula, ein Doldenblütler (Apiaceae), für die diese hohlen, oft markhaltigen und außen häufig kantigen oder gerillten Stengel typisch sind. Der giftige Schierling, der angeblich Sokrates das Leben gekostet hat, gehört dazu, den haben wir wohl nicht geraucht. Viel eher war es die für solches Ödland typische Kleine Bibernelle (Pimpinella saxifraga), die auch Pfefferkraut heißt. Ihre Wurzel soll würzig sein und wird zur Aromatisierung von Kräuterlikören verwendet. Medizinische Verwendungen werden für Hals-, Rachen- und Magenbeschwerden genannt. Diese Pafferei konnte uns also gar nicht schlecht bekommen. Dass wir dabei auf den Spuren von Prometheus unterwegs waren, haben wir damals nicht geahnt.

Quellen:
Graves, Robert. Griechische Mythologie. Dt. Übersetzung, 12. Aufl. 1999, Hamburg (Rowohlt)
Kerényi, Karl. Die Mythologie der Griechen. Band 1. 19. Aufl. 1998, Stuttgart (DTV)
Schwab, Gustav. Sagen des klassischen Altertums.