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Zwei Tage vor der Landtagswahl habe ich Gelegenheit, einen Stadtspaziergang durch Stuttgart zu unternehmen, vom Marienplatz im Stuttgarter Süden längs durch die Innenstadt bis zum Mineralbad Berg, fast das ganze, einstmals idyllische Nesenbachtal entlang bis zum Neckarufer. Von der Talstation der Zahnradbahn bis zu den Schleusen der Flussschiffahrt.

Es ist ein milder, sonniger Vorfrühlingstag und das italienische Café am Marienplatz kann die Gäste nicht alle aufnehmen, so verteilen sie sich halt über die Treppen und Mauern des steinernen Platzes. Der knallgelbe Wagen der Zahnrad-Straßenbahn wartet für die nächste Abfahrt die Weinsteige hinauf nach Degerloch. Mich führt der Weg zunächst die Tübinger Straße entlang, wo eine Kneipe sich das Emblem der Stuttgart-21-Gegner zum Wirtshausschild gemacht hat. Ein paar Schritte weiter wirbt die hier ansäßige Brauerei für ihre Biere mit dem Motto “Fließend schwäbisch”.

Die Wahlplakate der CDU in der Gegend sind frisch überklebt mit einem knappen “Mappia”. Ansonsten wird darauf für die nach dem Selbstverständnis der Landesregierung vorbildliche Bildungspolitik im Land geworben. Am Rathaus halten Schüler eines Abendgymnasiums eine kleine Kundgebung ab und weisen auf ihre prekäre Lage hin. Das Abendschulwesen ist praktisch komplett privatisiert und muss wohl schwer um seine Anerkennung ringen. Am Schillerplatz beim Alten Schloss ist es wieder ruhig und menschenleer, Thorvaldsens Schillerdenkmal steht allein auf weiter Flur, sozusagen.

Draußen auf dem Schlossplatz ist das Leben. Das Rasenparterre vor dem Neuen Schloss ist schwarz von Menschen, die dicht an dicht die ornamentalen Rasenfelder besitzen, was ein lustiges Bild chaotischer Ordnung ergibt. Lauter junge Leute. Im gusseisernen Pavillon flattern unzählige Origami-Kraniche in den Fensteröffnungen, “1000 Kraniche für Japan” heißt eine Solidaritätsaktion für die Katastrophenopfer dort. Nebenan hat jemand um eine Straßenlaterne herum kartonweise Werbekarten der Landeszentrale für politische Bildung zur Landtagswahl abgelegt, man solle sich bedienen. Eine Karte zeigt eine fette Stubenfliege auf einem großen grünen Blatt, verbunden mit der Aufforderung, man solle keine Eintagsfliegen wählen. Nicht viele interessieren sich dafür. Viel mehr bekommt man das Gefühl, dass diese Jugend hier fest gewillt ist, sich den Frühling ihres Lebens nicht gefährden oder verweigern zu lassen. Aufbruchstimmung, vielleicht nur in ein mildes Frühlingswochenende, vielleicht zu neuen politischen Konstellationen, die einen tiefgreifenden Wandel und eine neue Zukunftsorientierung zumindest in Aussicht stellen.

Kein Stuttgarter Stadtspaziergang ohne wenigstens dem Wittwer einen kurzen Besuch abzustatten, vielleicht die best sortierte Buchhandlung weit und breit. Diesmal gehe ich nur mit einem Buch heraus, das gerade neu aufliegt: “Wir schnallen den Gürtel weiter”. Das passt. Mit dem gelben Reclam-Buch vom Häuptling Eigener Herd Vincent Klink unterm Arm gehe ich weiter durch die Schlossanlagen zum Indianerdorf der Parkschützer am Hauptbahnhof. Es ist gerade recht ruhig dort, Grillrauch steigt auf, ältere Herrschaften fotografieren die Transparente, die in den Bäumen und an den Zelten flattern. Aus dem Off tönen die Zugansagen vom Bahnhof herüber.

Die langen Reihen der Platanen in den unteren Schlossanlagen sind noch kahl, dahinter ragen hoch die Mauern und Galerien der Gleisanlagen auf. Auf zwei, drei Ebenen sieht und hört man die roten Züge hinter den hellgrauen Platanenstämmen kreuzen, raus und rein in die Stadt, unaufhörlich, während unterhalb gemächlich trabende Jogger, rasende Radler und Frauengruppen mit Kinderwägen sich durch den Park bewegen, auf und ab. Im Teich neben dem Weg steht ein Graureiher, stoisch und lauernd, in all dem Treiben um ihn herum.
Was wird, wenn diese Bahnanlagen eines Tages abgerissen und dann der Park sich zwar erweitern mag aber begrenzt sein wird von langweiligen und unbelebten Häuserfronten wie ein Allerweltspark? Eine neue Parklandschaft wird entstehen um den neuen Bahnhof herum, wahrscheinlich eine Teletubbies-Landschaft aus Gras- und Glashügeln. Und kein Zügerauschen mehr, keine Nachricht vom Kommen und Gehen.

Zwischen dem Schloss Rosenstein und dem Mineralbad Berg gelangt man in einen offenen Bereich, wo man die Komplexität dieses Stadtgefüges mit einem Blick erfassen kann. Die Stränge von  Verkehrswegen winden sich hier umeinander herum wie bei einem schwäbischen Hefezopf. Stadtautobahnen, Straßenbahnlinien, Bahnstrecken, Fuß- und Radwege, in Tunneln, Einschnitten, über Brücken treffen sich und fächern sich wieder auf in alle Richtungen. Vor dem Hintergrund der hügeligen Weinberglandschaft bestimmen weitere technische Großstrukturen das Bild: die Neckarschleuse bei Cannstatt, der Gasbehälter von Gaisburg. Und mittendrin das spartanisch anmutende Mineralbad Berg, wo nur wenige ältere Schwimmer im Freibecken ihre Bahnen ziehen. Die Anlage geht zurück auf den Stuttgarter Hofgärtner Friedrich Neuner und wurde Mitte des 19. Jh. begründet. Die Quelle allerdings wurde erschlossen, um für den Betrieb der ersten Baumwollspinnerei in Württemberg einen kontinuierlichen Wasserfluss zu gewinnen. Stabile Energieversorgung für die Mechanisierung der Produktion. Das Mineralbad als bereichernde Begleiterscheinung. Das lässt sich der Kernenergie nicht nachsagen.

Die Mineralquellen hier gehören zu den stärksten Europas. Das Wasser nimmt einen komplizierten Weg durch die Muschelkalk- und Keuperschichten vom Oberen Gäu am östlichen Schwarzwaldrand, es reichert sich auf diesem Weg mit allerlei Mineralien und aus dem Erdmantel aufsteigender Kohlensäure an, auch ein komplexer Vorgang. Anspruchsvolle topographische und geologische Verhältnisse, die zu einer kleinteiligen,  vielgestaltigen, vielfältig verflochtenen Landschafts- und Wirtschaftsstruktur geführt haben. Gartenbau, Weinbau, Feinmechanik, Maschinenbau des Keuper-Schichtstufenlandes. Vieles nebeneinander und gleichzeitig, manchmal verworren und unübersichtlich. Keine Gegend für Leute, die gern klare Verhältnisse haben. Wie einfach ist dagegen München beschaffen.
Man traut sich hier schon zu, fachkundig wie man ist im Umgang mit den Gegebenheiten, einen großen Bahntunnel und unterirdischen Großbahnhof in all die Schichtfolgen und Grundwasserströme hineinzubauen. Aber andererseits: wie schlicht und vereinfachend ist diese Idee, hier alles nur mit einer großen Röhre zu durchstechen und sich von der Oberfläche zu entfernen. Fließend schwäbisch, zu einfach gedacht?

Am Ende des langen Spaziergangs durchs alte Nesenbachtal, bewaldete Höhen, Schleusen, Bahnlinien, Gasometer, Fernsehturm, Hauptbahnhof, Mineralbäder, Park, Platanen, alte Schwimmer und vieles mehr in einem Blick, entwickelt sich der Gedanke, dass man in München möglicherweise lernen kann, klar zu denken, weil alles so einfach strukturiert ist, und der Blick weit schweifen kann bis zu den fernen Bergen. In Stuttgart kann man aber lernen komplex zu denken, das geht eigentlich gar nicht anders, sollte man meinen. Ob sich das im Wahlausgang am Sonntag niederschlägt?