Milde Luft, das gab es schon lange nicht mehr. Der Winter war diesmal anstrengend, weil sehr konsequent. Fast drei Monate lang geschlossene Schneedecke und frostige Temperaturen. Gestern abend an der Isar beim Deutschen Museum streifte nun laue Frühlingsluft daher, fast nach Mai roch es schon. Am Tag war föhniger Sonnenschein gewesen und allenthalben wurden um die Häuser, in den Gärten Hinterlassenschaften des Winters und des vergangenen Jahres beseitigt, am Wertstoffhof war Stau (”german gardens often look like german highways” sagte gestern einer). Die ersten Pflanzen aus dem Baumarkt wurden durch die Gegend gekarrt und die SZ warnt schon vor dem, was in den nächsten Wochen wieder auf uns zu kommt: kaum sei des Wehklagen über den Winter verklungen, betrete “der nächste Jammerchor die Bühne”. Gemeint sind die Pollenallergiker, die jetzt wieder ihre Listen herausziehen von Pflanzen, die tunlichst gemieden und auch nicht mehr gepflanzt werden sollten. Hassobjekt Nr. 1 ist die Birke und in München darf man sich nicht mehr trauen, sie in einer öffentlichen Grünfläche zu verwenden, sonst gibt es garantiert Post von Ärzten und Juristen, die einem vorsätzliche Gesundheitsgefährdung vorwerfen. Und das tollste ist, dass man es inzwischen geschafft hat, fast den ganzen Jahreslauf allergen zu belasten. Der Allergiker kann nun immer leiden.

Wie schädlich Grünflächen und Vegetation für den Menschen eigentlich sind, belegt die SZ mit einem anderen Fall: eine Studie der Universität der Vereinigten Arabischen Emirate hat ergeben, dass inzwischen bereits ein Drittel der Einwohner der Emirate unter Heuschnupfen leidet. Schuld daran sei die zunehmende Fläche von Grünanlagen und Parks. Jede Menge Pflanzen und Pollen also, die meisten davon auch noch nicht-heimisch, das ist der Araber nicht gewohnt. Die Öko-Stadt Masdar-City, die wegen Geldmangels wahrscheinlich im Sande verläuft, wäre eine für Araber eher ungesunde Umgebung?

Es ist politisch ziemlich unkorrekt, über Pollenallergiker zu lästern, aber erlaubt. Eher nicht erlaubt dagegen ist Guerilla Gardening – aber politisch sehr korrekt. Deren subversives Treiben kommt gut an und ist inzwischen gar gern gesehen, außer vielleicht bei den Allergikern, denn ein Gartenguerilla nimmt es nicht so genau.

Auch in München ist die neue Stadtguerilla der Gartenzwerge seit einer Weile aktiv und betreibt tätige Weltverbesserung, getreu dem Motto ihrer örtlichen Vordenkerin Ella von der Haide: Eine andere Welt ist pflanzbar. Gestern abend war die Auftaktveranstaltung zur diesjährigen “Kampagne” im Ampère und zu Gast war kein geringerer als der Meister persönlich, Richard Reynolds. Der clevere Werbefachmann aus London hat es geschafft, eine weltweite Bewegung zu initialisieren, in dem er verschiedenste Einflüsse und lokale Initiativen aufgegriffen und ihnen das verbindende Motto gegeben hat: Guerilla Gardening. Seine Website bildet die zentrale Anlaufstelle, ist die Spinne im Netz der vielfältigen Aktivitäten. Sein “botanisches Manifest“, wie der Untertitel seines Buchs zum Thema lautet, ist kürzlich auf deutsch erschienen und wird der Bewegung weiteren Auftrieb verleihen, wie man im gut gefüllten Ampère miterleben konnte.

Reynolds gab einen schlüssigen Überblick über die Wurzeln, Ziele, Arbeitsweisen dieser echten “Graswurzel-Bewegung”. Die teils trashigen Anfänge in den 70er Jahren im Geiste von Hippie und Punk, sie können noch heute als Markenzeichen gelten. Die große Tradition der Community-Gardens in New York, die Pate stehen für die Ansätze zur nachhaltigen Aneignung und Kultivierung urbaner Restflächen. Das selbstverständliche, nicht-reflexive Gärtnern älterer Damen in England, deren gärtnerisches Tun nicht einfach an der eigenen Gartenmauer halt machen kann sondern sich in die Welt hinaus ausdehnt. Das klammheimliche Verstreuen von Samen allüberall und über lange Zeit: die Stockrosen von Maurice in Zürich, Goethes Veilchen (wie Ella von der Haide beisteuerte). Man denkt auch an Gionos Elzéard Bouffier, den Schäfer in der Haute Provence, der zeitlebens nebenbei Bäume säte. Derzeit beliebt sind die “seed-bombs”, mit denen sich auch aus der Distanz gärtnerisch eingreifen lässt.

Pimp Your Pavement heißt der neueste Slogan und die aktuelle Initiative von Reynolds. Die positiven Erfahrungen mit dem wilden Gärtnern haben ihn ermuntert, die Leute zu noch umfassenderer tätiger Auseinandersetzung mit ihrem außerhäuslichen Umfeld zu animieren. Nicht nur pflanzen und säen, nein gleich ein Stück Gehweg oder Platzfläche in Arbeit nehmen, um so die öffentliche Hand, die kaum noch Geld erübrigen kann für Gestaltung und Pflege von öffentlichem Raum, zu entlasten und das Interesse der Leute am Gemeingut, Gemeinwohl zu wecken.

Es ist eine zwiespältige Geschichte: Das oft dilettantische Herumgärtnern erschöpft sich manchmal in reinem Aktionismus und ob die Ergebnisse zur wirklichen Verschönerung des öffentlichen Raums beitragen, ist in vielen Fälle durchaus diskutierbar. Und das Signal, dass das professionelle Tun der öffentlichen Hand leicht durch private und ehrenamtliche Initiative ersetzbar ist, kann fatale Folgen für eine nachhaltige Entwicklung und Erhaltung von öffentlichen Räumen, insbesondere Grünflächen haben.

Andererseits: Reynolds hat überzeugend dargestellt, wie aus den oft naiven Anfängen ein langfristiges und tiefgehendes Interesse erwächst. Learning by doing, zunehmende Pflanzenkenntnis und Verständnis für die ökologischen Zusammenhänge und die Standortbedingungen. So entstehen tatsächlich schöne Gärten von Gärtnern, die auch von Profis hätten nicht besser geplant werden können, zugegeben. Und dieses Wühlen unten im Dreck der Stadt: das härtet ab und ist allemal besser als das Lamentieren oben am Balkon über die verbaute Aussicht auf die Landschaft und die schlimmen Birkenpollen.

Bei der nachfolgenden nächtlichen Pflanzaktion mit Reynolds in Haidhausen hat eine alte Dame beim Verlassen des Gasteigs den buchspflanzenden Guerillas vor lauter Entzücken gleich hundert Euro in die Hand gedrückt. Und eine andere konnte es kaum fassen, dass sie in ihrem Leben noch echte Guerillagärtner zu sehen bekommt. Eine Bewegung ist angekommen. Wie es den Buchsen in den Baumgräben an der Rosenheimer Straße gefällt, das ist eine andere Sache, das Streusalz und so. Wir wollen nicht kleinlich sein.