Ein Zeitungsartikel ruft Erinnerungen wach an die Sommerreise durch Virginia vor drei Jahren. Die Tate Modern in London zeigt eine Retrospektive des wichtigen, bei uns nicht sehr bekannten amerikanischen Malers Arshile Gorky. Der letzte Surrealist, heißt es, und einer der Begründer des abstrakten Expressionismus, der später für die amerikanische Kunst so bedeutend wurde.

Gorkys Leben verlief am Anfang und Ende tragisch, dazwischen war es eine produktive Auseinandersetzung mit der Malerei der europäischen Moderne, die schließlich in ein originäres Spätwerk mündete, bevor er mit Mitte vierzig seinem Leben in tiefer Verzweiflung ein Ende setzte. Crooked Run.

Den Durchbruch zu “seiner” Malerei erzielte er, als er ab 1943 (bis 1946) mehrere Monate im Sommerhalbjahr auf der Farm seiner Schwiegereltern im ländlichen Virginia verbrachte. Genauer im Loudoun County bei Leesburg, auf der Crooked Run Farm in Hamilton, gleich bei Purcellville. Eine sanft hügelige, agrarische Gegend, eine Pfalz der USA wenn man so will, wo alles, was man gerne isst und trinkt aufs Beste gedeiht. Die Quäker haben dort einige Siedlungen gegründet und mit ihrem Fleiß Maßstäbe gesetzt für die Besiedlung und Kultivierung des fruchtbaren Landstrichs. Heute ist Loudoun County bekannt für seine aufstrebenden Weingüter – und dafür, dass es ein entscheidender Faktor war für die Wahl Obamas zum Präsidenten der USA: hier gewann er demonstrativ die suburbane und wohlhabende Mittelschicht im Speckgürtel der Hauptstadt, der mittlerweile bis dorthin reicht.

Hatte Gorky bis dato sich sichtbar an den Größen der europäischen Moderne wie Picasso, Léger und Miró orientiert und klar konturierte Bilder mit opaken Farben gefertigt, so beginnt sich seine Malerei in der dunstigen Landluft Virginias der weichen Zeichnung dieser sanft geformten Landschaft anzupassen. Die Farben werden durchscheinend, er verwendet wässrige Lavierungen, die Zeichnungen werden locker, schnell, fließend, frei – und dennoch präzise, er kombiniert Techniken und Materialien und experimentiert, als würde er die Malerei neu für sich entdecken. One Year the Milkweed von 1944 ist ein besonders charakteristisches Werk aus dieser Zeit.

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Arshile Gorky, One Year the Milkweed, 1944, National Gallery of Art, Washington D.C.

Mehr als sechzig Jahre später sind wir im August durch Purcellville gekommen, an einem sehr warmen Mittag, als gerade der “Farmers Market” auf dem Parkplatz beim alten, stillgelegten Bahnhof aufgebaut wurde. Farmer und Händler aus der Region, Gemüse, Obst, Honig, ein wenig Kunsthandwerk, das Programm der kleinen Wochenmärkte, wie wir es auch kennen. An einem Stand hat eine junge Gärtnerin ihre Äpfel und Tomaten handverlesen drapiert und die Fülle der roten Paprika besonders betont, die sich aus ihren umgekippten Kisten auf die einfachen Verkaufstische ergossen. Die rote Paprika, die man durchaus als solche beinahe im Zentrum von Gorkys Bild erkennen kann. Virginiasommer am Crooked Run.