Die Baunetzwoche Nr. 156 widmet sich den städtebaulichen Utopien und Idealstadtkonzepten seit der Zeit, da Thomas Morus seine Insel Utopia erfand. Ganz wichtig der Hinweis, der gleich zu Beginn gegeben wird: dass Morus Utopia als unerreichbar weit entfernte Insel erfunden hat, in deren Gesellschaft Bildung, Freiheit und Gleichheit der Bürger die Grundlagen bilden. Es ging ihm primär nicht darum, ein Idealbild zu entwerfen, sondern Kritik an der Politik und Gesellschaft seiner Zeit zu üben, seiner Gegenwart den Spiegel vorzuhalten. Damit war aber ein Topos in der Welt, der sich künftig als verführerische Idee erwies, mit großem Einfluss auf alle Kunstgattungen und insbesondere die Architektur. (Man muss allerdings anmerken, dass es Idealstadtkonzepte schon vorher gab und insbesondere die theoretischen Konzepte der Gartenkunst kreisten seit jeher darum, den mythologischen Ort des Paradieses zur konkreten Utopie zu formen).

Nach einem kurzen, instruktiv bebilderten Abriss über die Entwicklung der Stadtutopien seither geht es dann um die Frage, ob Architekten als fähige Visualisierer die geborenen Utopisten sind. Und vor allem darum, wie die Architekten dabei sind, unter dem Motto der Nachhaltigkeit eine Vielzahl suggestiver Modelle für unser Leben in einer ökologisch unbedenklichen Zukunft zu entwerfen. Es kommen zur Aufführung aktuelle Visionen einer Ökooase (the GARDEN, welche Verheißung!), die sich um ein Aufwindkraftwerk entwickelt (Green Desert Mine); gigantische Hochhausstrukturen für New York und Hongkong, die quasi versorgungsautark in jeder Hinsicht gedacht sind; Architekturen und Stadtgebilde, die quasi vegetativ und schadlos wachsen, sich formen, erblühen wie harmlose Pflanzen, drum heißen sie auch Lotus City oder Treehouse City.

Allen Utopien ist gemein, dass sie sich in ihrer Ausstattung und Visualisierung exzessiv vegetativer Elemente bedienen: alles ist irgendwie bewachsen, von Grün durchdrungen. Das Leben spielt sich hinter perlenden Vorhängen freundlicher Lianen ab und das Reisfeld, bewässert und gedüngt von den häuslichen Abwässern liegt auf der Gartenterrasse im 25. Stockwerk. Urban Farming, Bioclimatic Greenhouse usw. sind gängige Schlagworte. Und das, was hier als Visionen angeboten wird, hat ja längst Einzug in die Visualisierung von Wettbewerbsentwürfen gehalten. Dort geht auch nichts mehr ohne den grünen Moosbehang oder wenigstens nach vegetativem Vorbild strukturierten Fassadengestaltungen – irgendwie muss da noch Grün rein.

Mit der eigentlichen Gegenwart hat das leider nur bedingt zu tun – allerdings auf interessante Weise: Wenn’s an die Umsetzung geht, dann ist es noch immer so, dass das Grünzeug schnell wieder eingespart wird, weil das Geld schon für die ganze Maschinentechnik und die tollen Klimafassaden draufgeht. Dachbegrünung? Brauchen wir nicht, ist lästig, braucht Pflege, sieht keiner, kann man immer noch nachrüsten. Aber bitte nicht Arbeitsräume ohne Klimatisierung im Wohlfühlbereich. Klingt frustriert? Mag sein, ist halt alltägliche Erfahrung.

Der Verdacht ist kaum zu entkräften, dass es weniger um Utopien und Visionen davon geht, wie wir künftig als Gesellschaft insgesamt im besseren Einklang mit unserer natürlichen Umwelt und den verfügbaren Ressourcen leben wollen. Sondern um Marketing: Für immer komplexere Bauten mit immer aufwändigerer Technik. Was per se ja nichts Schlechtes ist, weil mit moderner Technik sicher Positives erreicht und schädliche Auswirkungen reduziert werden können. Aber in den allermeisten Fällen, so scheint es mir, dienen die Nachhaltigkeitsargumente und erst recht das grüne Makeup nur dazu, Gelder für überkonstruierte Projekte zu generieren. Und Wenigen zu mehr Lebensqualität zu verhelfen.

Besonders ärgerlich ist der Missbrauch von “grünen Qualitäten”, wenn Gebäude explizit unter dem Namen von Gärten vermarktet werden. Die Werbenamen der Bauträger für ihre Vorstadtkomplexe sind uns allen geläufig, die heißen immer …park oder …gärten. Und trotzdem bin ich selbst wieder hereingefallen auf eine Meldung, die das Baunetz am 19.08.09 absetzte: Wohngarten in Wien eingeweiht. Ein neues vorzeigbares Projekt für Bewohnergärten in Wien? Das macht neugierig. Und entpuppt sich als ein besonders verlogenes Stück von Architekturmarketing. Ein Häuserensemble (die architektonische Qualität ist hier nicht zu diskutieren), das von Freiraumqualitäten des Umfelds schamlos profitiert und sie auf dem eigenen Areal in keinster Weise angemessen aufnimmt und weiterführt, sondern die Außenräume quantitativ und qualitativ auf das absolute Mindestmaß dessen reduziert, was für die Erschließung der Häuser notwendig ist. Selten so etwas Peinliches gesehen.

Ist es das, was dann im gebauten Zustand von den Visionen übrig bleibt? Oder anders herum aufgezogen: ist die Architektur so schlecht, sie selbst oder ihr Ruf, dass sie sich des Vokabulars der Gärten bedienen muss, um ihre Produkte an den Mann zu bringen? Welcher Gartengestalter würde auf die Idee kommen, sein Projekt “Freizeitvilla” oder “Erholungshaus” zu nennen? Oder gar “Baumfabrik”? – das wäre allerdings eine Option, die verfolgenswert erscheint.

Den großen Visionen, die ganz viel Grün und Garten und Park und sonstiges Gemüse versprechen, ist nicht zu trauen. Übrig bleiben stets Maschinenparks (wo kommt hier der Begriff Park her, das hört sich gar nicht gut an).

Als die wahrscheinlichste der vom Baunetz vorgestellten Visionen erscheint deshalb auch das Sietch Nevada – Projekt von Andrew Kudless: eine in der Wüste vergrabene Stadt, eine unterirdische Festung, die in sich ihre wichtigsten Ressourcen birgt: Wasser und Nahrungsmittelproduktion in kleinen, dezentralen und intensiv genutzten Garten-Oasen. Eine Vision, die aufbaut auf der Vorstellung eines künftigen Mangels und sich erinnert an die prekären Lebensverhältnisse einiger letztlich verschollener Pueblokulturen in diesen Wüstenregionen der südwestlichen USA. Erinnerung, Reflexion, Vertiefung. Wirkt halt leider nicht so optimistisch wie ein moosgrüner Phallus in der Bucht von Hongkong. Diese Megacity-Visionen sind eigentlich erschreckend linear aus unserer gegenwärtigen technologischen Verfassung heraus weitergedachte Projekte. Wahrscheinlich, weil sie eben letztlich nur dazu dienen sollen, die gegenwärtige Technik unter schwierigen Rahmenbedingungen noch zu verkaufen. Sie haben also eigentlich gar nichts Visionäres, außer das sie Traumgebilde sind, schön gezeichnet und reichlich grünes Mascara aufgetragen.

Verwandte Artikel: Stadt und Wüste
Bildquelle: Chilledsunshine at en.wikipedia