In der Migrationspolitik kommen wir so langsam voran, bis hin zu dem Eingeständnis, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei. In gärtnerischen Fragen (im weitesten Sinne) hinken wir da, wie oft, etwas hinterher. Allein wenn man die terminologischen Klimmzüge betrachtet, die in der Neophyten-Debatte unternommen werden, ahnt man, woher der Wind weht.

Es ist schon irritierend, mit welcher Inbrunst Pflanzengesellschaften behütet und verteidigt werden, die es nur dank der Rodungs-, Weide- und Ackerbauaktivitäten unserer neolithischen Vorfahren in unsere Breiten geschafft haben. Zuwanderer vom Balkan, aus Vorderasien meist, die den nach Nordwesten ziehenden Ackerbauern gefolgt sind und sich heute noch an peripheren Standorten in einer völlig anders gearteten Nutzungsstruktur unserer Kulturlandschaft halten. Das ist sicherlich bedauerns- und schützenszwert, einerseits.

Andererseits: Natur war und ist immer Dynamik, wird es immer sein. Ob vom Menschen unterstützt, befördert, gebremst, behindert, negiert, zerstört. Egal: Natur funktioniert immer, ganz gleich, welches Bild wir von ihr haben.

Also wo ist das wirkliche Problem mit den sogenannten Neophyten, den schlechten, im Gegensatz zu den guten Archaeophyten der Steinzeit und der Antike? Es heißt, das Problem seien die invasiven Arten, die unsere “heimischen” Pflanzengesellschaften gefährden. Was ist “heimisch”? Beim einen heißt es, der Rainfarn (Tanacetum vulgare) sei heimisch, so wird er selbst in alten Pflanzenführern geführt. Beim anderen ist auch der Rainfarn ein Neophyt in unseren Ökosystemen, weil er offenbar in den letzten Jahren profitiert von Veränderungen in der Umwelt. Das weckt Verdacht. Der Rainfarn mag sich nicht begnügen!

Beobachtungen haben ergeben, dass der Anteil der Neophyten mit zunehmender Urbanisierung ein Viertel des Arteninventars ausmachen kann und gerade in Großstädten zu besonders artenreichen Pflanzengesellschaften führt, die in der umgebenden Kulturlandschaft und in der heilen Provinz ihresgleichen suchen. Die Stadtbrache ist das Eldorado der Neophyten – oder der Rotlichtbezirk, wo sich so zwielichtige Gestalten herumtreiben wie die Nachtkerze, der Götterbaum, die Scheinakazie und die Goldrute – die Namen sagen doch alles!

Aber eben die Stadtbrache, der Rotlichtbezirk: so bunt, so farbenfroh, so vielgestaltig und abwechslungsreich. Milieu der Zuwanderer, schon immer. Verrucht, verstörend, geschmacklos? Nährboden des urbanen Milieus, ob man es mag oder nicht. Bleibt die Frage, wie man es mit offenen Gesellschaften hält.

Die Kategorisierung der Pflanzensoziologie war im Sinne einer Ethnologie sicher sinnvoll, um ökologische (soziale) Zusammenhänge zu erkennen. Aber sie ist eine systematisch-analytische Disziplin. Eignet sie sich dazu, Natur in ihrer Dynamik abzubilden? An sich schon, weil sie ja auch die Sukzessionen beinhaltet. Nur – es sind neue Spieler auf dem Platz und es ergeben sich neue Konstellationen. Das ist vielleicht noch nicht genügend berücksichtigt. Es stellt sich aber die Frage, ob wir die neuen Mitspieler ausgrenzen oder ob wir es schaffen, sie mitspielen zu lassen – vielleicht führen sie die Mannschaft zu Erfolgen, die wir nicht kannten, nicht zu denken wagten.

Dies auch nochmals zum Andenken an den alten Wanderer, Kulturfolger, Neophyten, Ubiquisten Wegwarte, die Blume von 2009, die, trotz aller Omnipräsenz, als bedroht gilt, zumindest bei uns…