NS000433-450Eine eigene Impression anlässlich des heutigen Mauerfalljubiläums. Nicht vom 9. November 1989 sondern aus dem März 1990, wenige Tage vor der ersten und letzten freien Parlamentswahl in der DDR. Wir waren unterwegs auf Nebenstraßen in Thüringen bis hinunter nach Naumburg. Zugiges Jena, verregnetes Weimar, keine Hotelzimmer, herzliche Aufnahme in einem protestantischen Pfarrhaus. Aufbruch- und Endzeitstimmung hielten sich die Waage. In Naumburg verkaufte ein findiger Bäcker bereits Waffeln auf die Straße. In Oßmannstedt, dort wo Christoph Martin Wieland sein Heil auf dem Land, inmitten eines Obstgartens suchte, beäugte man skeptisch unseren alten roten Golf.

Wieland lebte um die Jahrhundertwende 1800 ein paar Jahre als “poetischer Gärtner” in Oßmannstedt und träumte sich in seine antike arkadische Welt. Das Gut sei ein “ächtes Horazisches Sabinum“, schon im ersten Jahr pflanzte er gut 300 Obstbäume. “Ach warum kann nicht alles, was ich liebe, sich hier zu Oßmannstedt anbauen und eine kleine Republik von guten und glücklichen Menschen ausmachen, wie noch keine gewesen ist” schrieb er in einem Brief zu Weihnachten 1797.

Weihnachten 1802 ist Heinrich von Kleist zu Gast und bleibt die Wintermonate. Im Januar schreibt er an seine Schwester Ulrike über seine Zeit dort: “Ich habe mehr Liebe gefunden, als recht ist, und muß über kurz oder lang wieder fort; mein seltsames Schicksal!” Der Ruhe- und Heimatlose reist Mitte März ab und wird Zeuge, wie Wieland das Gut wieder verkauft, weil ihn der Traum vom Landleben zu ruinieren droht. Das Idyll trägt sich nicht.

Eine kleine Republik von guten und glücklichen Menschen – das war es, was den Bürgerrechtlern der DDR in ihrer Spätzeit vorschwebte. Was sich aber nicht machen ließ im ökonomischen Sog, der vom Westen ausging und der sich bald in einen Druck wendete, der von niemandem in diesem märzgrauen Land so erwartet worden war. Zwanzig Jahre ist das her und zweihundert. Kein Platz fürs Idyll und kein Ende der Geschichte.