Hainbuche (Carpinus betulus)

Nach dem Republikanischen Kalender der Französischen Revolution ist der 12. Germinal der Tag der Hainbuche. Das entspricht dem 1. April (Stand 1793 bzw. Jahr I). Selten kommt die Hainbuche zu solchen Ehren wie der Widmung eines Kalendertages. Dabei war sie lange Zeit eine der wichtigsten Nutzpflanzen und ihre Verbreitung in Mitteleuropa ist eng und signifikant mit der Siedlungsentwicklung, insbesondere der Ausbreitung der ackerbaulichen Kulturen seit dem ausgehenden Neolithikum verknüpft. Und dennoch findet sie so gut wie keine Würdigung, nicht in den archaischen Mythen, nicht in der Kulturgeschichtsschreibung, nicht in der aktuellen Fachliteratur. Zugleich ist sie wahrscheinlich die am häufigsten verwendete Heckenpflanze unserer Gärten. Sie ist unser vielleicht bekanntester unbekannter Baum. Wie kommt das?

Man könnte sagen, die Hainbuche ist so etwas wie der Proletarier unter den Bäumen. Oder gar ein Arbeitssklave, ein Arbeitstier. Denn sie besitzt eine nützliche Eigenschaft, eine physiologische Besonderheit, die sie dazu prädestiniert: ihre ungemeine Schnittverträglichkeit, ihr steter, nie ermüdender Austriebswillen. Man kann sie schneiden wie man will, in jede Form oder ganz auf den Stumpf zurücksetzen, sie wird es wegstecken und einen neuen Anlauf nehmen. Diesem Lebenswillen auch noch unter widrigsten Umständen verdankt sie weitgehend ihre eigenartige Karriere in der europäischen Flora. Damit nicht genug: das Holz, das sie produziert, wenn man sie einmal eine Weile wachsen lässt, ist das härteste der heimischen Gehölze, vor Buche und Eiche, dabei von großer Elastizität, hoher Festigkeit und besonders zäh. Deshalb hatte es einst große wirtschaftliche Bedeutung für stark beanspruchte Fahrzeug- und Maschinenteile (Zahnräder, Achsen, Speichen, Holzschrauben u. ä.). Ein technisches Holz, ein Arbeitsholz.

Kopfholz könnte man ihren botanischen und lateinischen Namen Carpinus übersetzen, hergeleitet aus den keltischen Begriffen car(r) für Holz und pen für Kopf. Gemeint ist damit das Joch der Ochsen, das schon die frühen Ackerbauern aus dem zähen Hainbuchenholz fertigten. Arbeitsholz für die Arbeitstiere. In Frankreich heißt die Hainbuche charme, worin carpen noch nachklingt und (leider) nicht der weibliche Zauber, der mit ihr offenbar eher nicht assoziiert wird. Im Englischen heißt sie auch „Jochulme“ (yoke-elm), geläufiger jedoch hornbeam, was sich ebenfalls auf ihr hartes und helles Holz bezieht.

Der deutsche Name Hainbuche, oder älter Hagbuche, geht zurück auf die Brennholzgewinnung. Aus siedlungsnahen Wäldern wurde in kurzen Abständen Holz entnommen, nur schnittverträgliche und austriebswillige Gehölzarten hielten durch, aus Wäldern wurden Gebüsche, Schlaghecken, Niederwald mit Umtriebszeiten zwischen 5 und 40 Jahren. Die natürlicherweise konkurrenzstärksten Baumarten Buche und Eiche sind nicht so schnitttolerant und konnten von der Hainbuche in intensiv bewirtschafteten Gehölzbeständen, den Hecken/Hagen, verdrängt werden. Pollendiagramme zeigen, dass Carpinus erst relativ spät signifikant als Teil der Vegetation in Erscheinung tritt. Ab dem Subboreal (späte Wärmezeit 5000 bis 2500 v. Chr.), also im Übergang vom Neotlithikum zur Bronzezeit in Mitteleuropa, verbreitet sie sich deutlich und gewinnt v.a. ab der Römerzeit bis ins hohe Mittelalter (bis. ca. 1000 n. Chr.) stark an Bedeutung. Dies hängt wahrscheinlich mit der Verstetigung von Siedlungen zusammen: die Landschaft um dauerhaft angelegte Siedlungsplätze wird fortdauernd genutzt, Nutzgüter müssen von nun an ständig am Ort regeneriert werden. So auch das Brennholz. Hervorragendes Regenerationsvermögen und große Rohdichte des Holzes, also hoher Brennwert, dies brachte die Hainbuche mit. Insbesondere um Erzschmelzplätze wurde über lange Zeiträume immer wieder an den gleichen Stellen Holz eingeschlagen, was zur dauerhaften Störung der natürlichen (Buchen-)Waldentwicklung geführt und die Hainbuche sehr gefördert hat (sog. Hainbucheneffekt). Und bis ins 18. Jh. dienten eingeschlagene oder verflochtene Hainbuchenpflanzungen (Gebück) als sog. Wehrhecken oder Landwehren. In Verbindung mit Dornsträuchern (Brombeeren, Heckenrosen usw.) bildeten sie ein undurchdringliches Dickicht zur Verteidigung gegen unliebsame Nachbarn oder marodierende Söldnerheere.

Carpinus betulus | Hainbuche

So ist die Hainbuche in Mitteleuropa vor allem ein Begleiter, ja Indikator von menschlicher Siedlung und damit wesentlicher Bestandteil traditioneller Kulturlandschaft. Ihre Nutzung war so alltäglich, umfassend und banal, dass man sie zu allen Zeiten nicht besonders wahrnahm. Keine Symbolik, kein Mythos ist mit ihr verknüpft. Die Bäume der Götter heißen anders. Plinius beispielsweise erwähnt sie, aber weit weniger ausführlich als alle anderen Waldbaumarten, bei Vitruv kommt sie gar nicht vor. Oft hält man sie für keine eigenständige Baumart, sondern ordnet sie den Ahornen oder Ulmen zu. Als ausgewachsener Baum ist sie über Jahrhunderte nahezu unbekannt gewesen. Mit dem Aufkommen formaler (Hecken-)Gärten seit der Renaissance scheint sie vollends ins Fach des duldsamen Heckengehölzes zu wechseln und ist darin bis heute so erfolgreich, dass sie auch in der aktuellen Fachliteratur fast ausschließlich im Zusammenhang mit Heckenpflanzung, Formschnitt und formaler Gestaltung Erwähnung findet, dort aber ebenfalls quasi den Standard bildet, auf den man nicht besonders eingehen muss. Allenfalls in der Variante als Säulenform (Columnaris, Fastigiata), also als natürlich gewachsenes Formgehölz, taucht sie dort in baumartiger Größe auf.

Die Duldsamkeit der Hainbuche endet nicht mit der Schnittverträglichkeit. Sie gedeiht auf trockenen wie feuchten, armen wie nahrhaften Böden, sie verträgt Überschwemmungen aber keinen dauerhaft hohen Wasserstand; ideal sind, falls sie sich etwas wünschen darf, kalkhaltige Lehmböden (doch dort will ja fast jede Pflanze hin). Sie ist gut wärmeverträglich auch bei voller Belichtung, wächst aber auch gut im Halbschatten und noch im Schatten. Sie ist sozusagen ein Gehölz der unteren Etage, nimmt auch vorlieb mit dem Schatten, den die Großen werfen, Buche und Eiche, wobei der Platz im lichten Schatten der Eiche ihr besonders behagt. Ihr leicht verrottendes Laub gilt als Lieblingsnahrung der Regenwürmer, auch als Bodenverbesserer ist sie also immer im Dienst.

Als „unbeugsamen Baum von demütigem Wuchs“, der, wenn er seine natürliche Gestalt entwickeln dürfe, ein viel ansehnlicherer Baum sei, als die meisten Menschen annehmen würden – der große Botaniker James Edward Smith (1759 – 1828), der Herausgeber der Flora Britannica, Gründer der englischen Linné-Gesellschaft und Verwalter des Erbes von Carl v. Linné ist einer der Wenigen, die Wert und Wesen der Hainbuche offenbar einzuschätzen wussten. Doch nur die wenigsten seiner Zeitgenossen konnten sich ein Bild von seiner Einschätzung machen, weil es diese ausgewachsenen Hainbuchen einfach nicht gab.

Dabei hatte er völlig recht. Selten wird eine Hainbuche höher als 20 m und entwickelt eine erst pyramidale, später breit-rundliche und dicht verzweigt Krone. Charakteristisch ist der sehr oft nur kurze Stamm bzw. die Neigung zur Mehrstämmigkeit, dann kann die Kronenform auch trichter- bis schirmförmig auseinanderstreben. Ihr im Frühjahr hellgrünes, im Sommer dunkelgrünes Laub wirkt immer gesund und die intensiv gelbe Herbstfärbung kann sich sehen lassen. Ihre glatte graue Rinde ähnelt der der Buche (Fagus), wenn sie nass wird, erscheint sie aber fast schwarz.

Als Hecke geschnitten ist sie in jedem Fall und seit jeher ein nützliches Gehölz. Frei gewachsen, ob als Einzelbaum oder in der Gruppe, ist die Hainbuche ein reizvoller Baum für Parks und kleinere Grünanlagen, der gerade im bebauten Umfeld den Maßstab wahrt. Ein Baum, der nicht nur gefallen will, sondern zuverlässig seinen Dienst tut, Boden, Luft und Stadtklima nachhaltig verbessert, in fast jeder Umgebung. In der Kulturlandschaft und im Wald haben sich die Wirtschaftsformen so verändert, dass die Hainbuche dort kaum mehr gebraucht wird und an Konkurrenzkraft deutlich eingebüßt hat. In künftigen Pollendiagrammen wird sie wieder deutlich an Gewicht verlieren. Vielleicht ist es an der Zeit, ihr in unseren Städten ein Auskommen in unbeschnittener Freiheit zu geben. Sie braucht nicht mehr als ein bisschen Licht, Luft, Wasser und Boden, der zur Not auch etwas karger sein darf. Und schon, ohne sich viel zu zieren, hilft sie wieder mit, packt mit an, den menschlichen Siedlungsraum angenehmer zu machen. Sie ist eine überzeugte Demokratin und Republikanerin und war wahrscheinlich bei der Französischen Revolution aktiv dabei, auch wenn’s keiner gemerkt hat. Denn die Revolutionäre selbst hatten sich ebenfalls symbolträchtigere Bäume als ihre Freiheitsbäume erkoren: Pappeln, Platanen und allen voran die mächtigen Eichen, in deren Schatten…

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1 Kommentar

  1. Ergänzung: Der Bund deutscher Baumschulen (BdB) hat die Hainbuche in ein sog. „Klimabaumsortiment 2014“ aufgenommen. Sie gehört damit zu den Baumarten, „die nach dem momentanen Wissenstand den zu erwartenden, sich verändernden Umwelteinflüssen wohl am besten standhalten“ – als eine von nur acht (!) Arten. Ein exklusiver Kreis. Und ein weiterer Beleg für die hartnäckige Durchsetzungskraft der Hainbuche, auf allen Ebenen.

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